Innere Unruhe, Anspannung und schlaflose Nächte sind für viele Menschen ständige Begleiter. Die Nachfrage nach sanften, pflanzlichen Alternativen zu chemischen Beruhigungsmitteln wächst stetig. Die Passionsblume (Passiflora incarnata) gilt seit Langem als bewährtes Mittel bei Nervosität und Schlafproblemen. Doch was sagt die aktuelle Wissenschaft dazu? Und worauf muss man bei der Anwendung achten? Eine aktuelle Analyse der Universität Münster liefert wichtige Erkenntnisse – insbesondere zur entscheidenden Frage der Produktqualität.
Die Pflanze mit dem symbolträchtigen Namen
Die Passionsblume, genauer die Fleischfarbene Passionsblume (Passiflora incarnata), ist eine Kletterpflanze, die ursprünglich aus den warmen Regionen Süd- und Nordamerikas stammt . Ihren Namen verdankt sie christlichen Missionaren, die in ihren auffälligen Blüten Symbole der Passion Christi erkannten . Heute wird sie für medizinische Zwecke überwiegend auf Plantagen in Indien, den USA und Südamerika angebaut . Als Zierpflanze ist sie jedoch auch hierzulande in vielen Gärten zu finden.
Verwendet wird das Passionsblumenkraut (Passiflorae herba), also die oberirdischen Teile der Pflanze . Das Europäische Arzneibuch schreibt für die Droge einen Mindestgehalt an Flavonoiden vor – bei ethanolischen oder methanolischen Extrakten sind es mindestens 2,0 Prozent.
Wirkmechanismus: Wie die Passionsblume auf Psyche und Nervensystem wirkt
Die beruhigende Wirkung der Passionsblume entfaltet sich im zentralen Nervensystem. Nach aktuellem Forschungsstand wird angenommen, dass sie über eine Modulation des GABA-Systems wirkt . GABA (Gamma-Aminobuttersäure) ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter im Gehirn – vereinfacht gesagt der "Bremsbotenstoff", der für Entspannung und Beruhigung sorgt. Passionsblumenextrakt kann wahrscheinlich die Konzentration von GABA erhöhen oder seine Wirkung verstärken.
Die genauen wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe sind noch nicht vollständig entschlüsselt. Die Forschung geht jedoch davon aus, dass vor allem Flavonoide (insbesondere Benzoflavon-Verbindungen) eine zentrale Rolle spielen . Glykoside wirken sedierend und angstlösend, Cumarinderivate entkrampfend . Zusätzlich wurden antioxidative Effekte nachgewiesen.
Anwendungsgebiete: Was ist wissenschaftlich anerkannt?
Nervöse Unruhezustände
Das zentrale Anwendungsgebiet der Passionsblume ist die Behandlung von nervösen Unruhezuständen. Die Kommission E des Bundesgesundheitsamts hat dieses Anwendungsgebiet bereits vor Jahren anerkannt . Auch als pflanzliches Arzneimittel ist Passionsblumen-Trockenextrakt in Deutschland offiziell für diese Indikation zugelassen.
Angst und Anspannung
Mehrere klinische Studien belegen die angstlösende (anxiolytische) Wirkung der Passionsblume. Eine vielzitierte kontrollierte Studie aus dem Jahr 2001 verglich Passionsblumenextrakt mit dem Benzodiazepin Oxazepam bei Patienten mit generalisierter Angststörung . Das Ergebnis: Der Passionsblumenextrakt zeigte nach siebentägiger Anwendung eine vergleichbare angstmindernde Wirkung wie das chemische Beruhigungsmittel – bei deutlich geringerer Beeinträchtigung im Berufsalltag. Lediglich der Wirkungseintritt war beim Oxazepam schneller.
Auch bei situativer Angst, etwa vor Operationen, konnte die Passionsblume überzeugen. In einer placebokontrollierten Studie mit 60 Patienten, die vor einem Eingriff eine Spinalanästhesie erhielten, zeigte sich 30 Minuten nach Gabe des Extrakts eine statistisch signifikant geringere Angst im Vergleich zur Placebogruppe . Bereits eine frühere Untersuchung hatte ähnliche Ergebnisse geliefert.
Schlafstörungen
Bei Schlafstörungen ist die Studienlage etwas dünner, aber vielversprechend. Eine placebokontrollierte Doppelblindstudie mit 41 Erwachsenen, die unter gering ausgeprägten Schlafstörungen litten, untersuchte die Wirkung einer Passionsblumen-Teezubereitung über eine Woche . Das Ergebnis: In der Passionsblumengruppe besserte sich die subjektive Schlafqualität signifikant im Vergleich zu Placebo.
Die Passionsblume wirkt hierbei über ihre anxiolytische Komponente – das heisst, sie reduziert die Anspannung, die oft am Einschlafen hindert, und erleichtert so das Einschlafen . In der Praxis wird sie daher häufig bei leichten Einschlafproblemen und nervös bedingten Schlafstörungen eingesetzt.
Weitere Anwendungsmöglichkeiten
Traditionell wird die Passionsblume auch bei folgenden Beschwerden angewendet, wobei die wissenschaftliche Evidenz hier weniger umfangreich ist:
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Nervöse Magen-Darm-Beschwerden: Durch ihre entspannende Wirkung auf das vegetative Nervensystem kann sie bei Reizdarm oder nervösem Magen helfen.
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Wechseljahresbeschwerden: Sie wirkt zwar nicht direkt auf den Hormonhaushalt, kann aber typische Symptome wie innere Unruhe und Schlafstörungen in dieser Lebensphase lindern. Die anxiolytische Wirkung kann aber über eine Reduktion der stressbedingten Cortisolausschüttung indirekt auf hormonell bedingte Unruhezustände wirken.
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Muskelverspannungen und Krämpfe: Die krampflösenden Eigenschaften können bei menstruationsbedingten Krämpfen oder Muskelverspannungen unterstützend wirken.
Das Qualitätsproblem: Arzneimittel vs. Nahrungsergänzungsmittel
Eine aktuelle Analyse der Universität Münster, veröffentlicht in der Zeitschrift für Phytotherapie 2025, förderte alarmierende Ergebnisse zutage . Ein Forschungsteam um Alexa Brouns untersuchte sechs Nahrungsergänzungsmittel (NEM) und fünf Arzneimittel mit Passionsblumenkraut aus Deutschland.
Die Ergebnisse sind eindeutig:
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Fünf der sechs Nahrungsergänzungsmittel waren problematisch: Das Markerflavonoid war nicht oder nur schwach nachweisbar. Die Autorinnen und Autoren stufen diese Produkte als Fälschungen und Lebensmittelbetrug ein – sie sind nach ihrer Einschätzung nicht verkehrsfähig.
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Nur ein NEM aus den USA sowie alle fünf Arzneimittel zeigten eine vollständige Übereinstimmung mit dem Referenzchromatogramm. Nur bei diesen Produkten war also tatsächlich drin, was draufsteht.
Auch bei der Quantität gab es deutliche Unterschiede: Die EMA empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 10–80 mg Flavonen (entsprechend 1–8 g pflanzlichem Material). Alle Arzneimittel erreichten mit 50 bis über 123 mg pro Tag diese Vorgabe. Das einzige verkehrsfähige NEM lieferte mit zwei Kapseln lediglich 16 mg Flavone – eine sehr geringe Menge.
Passionsblume als Teil einer europäischen Kräuterformel
Mental Essentia von Natura Nova kombiniert Passionsblumenextrakt (standardisiert auf 2 % Vitexin) mit Melisse, Lavendel und Weissdorn – ergänzt durch Magnesiumbisglycinat und Vitamin B6. Hergestellt in der Schweiz nach GMP-Standards, laborgeprüft.
Anwendung und Dosierung
Nahrungsergänzungsmittel
Passionsblumenextrakt ist auch als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, häufig in Kombination mit anderen beruhigenden Pflanzenstoffen. Bei der Wahl eines NEM ist die Qualität des Extrakts entscheidend — wie die Untersuchung der Universität Münster zeigt, variiert der tatsächliche Wirkstoffgehalt erheblich. Achte auf standardisierte Extrakte mit Angabe des Vitexin-Gehalts sowie auf GMP-zertifizierte Herstellung und laborgeprüfte Chargen.
Tee-Zubereitung
Für einen Tee übergiesst man etwa 2 Gramm (ein Teelöffel) des fein geschnittenen Krauts mit kochendem Wasser und lässt ihn 10–15 Minuten ziehen. Zwei bis drei Tassen können über den Tag verteilt oder vor dem Schlafengehen getrunken werden.
Tinktur
Zur Herstellung einer eigenen Tinktur werden die getrockneten Blätter mit Weingeist bedeckt und vier Wochen verschlossen. Nach dem Abseihen können bis zu dreimal täglich zehn Tropfen eingenommen werden.
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen
Die Passionsblume gilt in therapeutischer Dosierung als gut verträglich . Dennoch können gelegentlich Nebenwirkungen auftreten:
Wichtige Gegenanzeigen:
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Schwangerschaft und Stillzeit: Von der Anwendung wird abgeraten, da Passionsblume in grösseren Mengen die Gebärmutter stimulieren und vorzeitige Wehen auslösen kann.
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Wechselwirkungen: Die gleichzeitige Einnahme mit Benzodiazepinen (wie Lorazepam) oder anderen ZNS-wirksamen Substanzen sollte nur nach ärztlicher Rücksprache erfolgen. Ein Fallbericht beschreibt Übererregbarkeit mit Zittern bei Kombination von Lorazepam mit Passionsblume und Baldrian.
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Kinder: Die Anwendung bei Kindern sollte ärztlich überwacht werden.
Fazit
Die Passionsblume ist eine wertvolle Heilpflanze zur sanften Behandlung von nervöser Unruhe, Anspannung und leichten Schlafstörungen. Die wissenschaftliche Evidenz für ihre angstlösende Wirkung ist gut, für die schlaffördernde Wirkung vielversprechend.
Der entscheidende Punkt für die Praxis ist die Qualität: Die aktuelle Untersuchung der Universität Münster zeigt eindeutig, dass viele Nahrungsergänzungsmittel mangelhaft oder sogar gefälscht sind. Wer von der Wirkung profitieren möchte, sollte daher auf registrierte Arzneimittel aus der Apotheke zurückgreifen. Bei diesen ist der Gehalt an wirksamen Flavonoiden garantiert und entspricht den Vorgaben der Europäischen Arzneimittel-Agentur.
In Kombination mit anderen beruhigenden Massnahmen wie Entspannungsverfahren oder besserer Schlafhygiene kann die Passionsblume so einen wichtigen Beitrag zu mehr innerer Balance und erholsamem Schlaf leisten.
Offizielle Quellen & Studien:
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Brouns A et al.: Qualitätsvergleich von Passionsblumen-Produkten (Zeitschrift für Phytotherapie 2025; 46: 225-233) – Medical Tribune
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Pflanzliche Sedativa – Enzyklopädie der Schlafmedizin (SpringerMedizin, 2024)
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Akhondzadeh S et al.: Passionflower in the treatment of generalized anxiety (Journal of Clinical Pharmacy and Therapeutics, 2001)
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Aslanargun P et al.: Passiflora incarnata Linneaus as an anxiolytic before spinal anesthesia (Journal of Anesthesia, 2012)
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Ngan A, Conduit R.: A double-blind, placebo-controlled investigation of the effects of Passiflora incarnata (Passionflower) on sleep in adults (Journal of Sleep Research, 2011)