Ein martialischer Name für eine bemerkenswerte Pflanze: Teufelskralle klingt nach allem ausser Heilmittel. Dabei gehört Harpagophytum procumbens zu den bestdokumentierten pflanzlichen Wirkstoffen in der modernen Phytotherapie – mit über 65 klinischen Studien, einem weitgehend geklärten Wirkmechanismus und einem Sicherheitsprofil, das dem mancher synthetischer Entzündungshemmer überlegen ist. Wer unter Gelenk- oder Rückenschmerzen leidet und nach pflanzlichen Alternativen sucht, kommt an ihr kaum vorbei.
Eine Pflanze der Kalahari – Herkunft und Botanik
Teufelskralle ist in den Savannen Südafrikas, Namibias, Botswanas und Simbabwes beheimatet. Sie wächst auf sandigen, nährstoffarmen Böden unter ariden bis semiariden Bedingungen – eine Pflanze, die extreme Trockenheit überlebt, indem sie enorme Mengen an Wasser und Nährstoffen in unterirdischen Speicherwurzeln hortet. Genau diese Speicherwurzeln, die bis zu einem Meter tief in den Boden reichen können, sind der medizinisch genutzte Teil der Pflanze.
Ihren Namen verdankt die Teufelskralle den charakteristischen Früchten: holzige Kapseln mit kräftigen, nach aussen gebogenen Widerhaken, die sich im Fell von Tieren – und im Leder von Schuhsohlen – verankern und so für Verbreitung sorgen. Die Pflanze selbst ist unscheinbar; die getrockneten und gemahlenen Wurzelknollen, die in der Phytotherapie eingesetzt werden, erinnern äusserlich kaum an etwas Besonderes.
In Südafrika und Namibia hat Teufelskralle eine lange Tradition in der Volksmedizin – vor allem bei Schmerzen, Fieber und Verdauungsproblemen. Seit den 1950er Jahren gelangte sie nach Europa, wo sie zunächst in Deutschland systematisch phytochemisch untersucht wurde und heute zu den meistverkauften pflanzlichen Rheumamitteln gehört.
Der Wirkstoff Harpagosid – und wie er wirkt
Die pharmakologisch relevantesten Inhaltsstoffe der Teufelskralle sind Iridoidglykoside, allen voran Harpagosid – daneben Harpagid und Procumbid. Ergänzt werden diese durch Flavonoide (Fisetin, Kämpferol, Luteolin), Phenylpropanoide und Triterpene, die antioxidative Eigenschaften aufweisen.
Harpagosid gilt als Leitsubstanz: Es hemmt selektiv die Cyclooxygenase 2 (COX-2) – genau jenes Enzym, das auch von gängigen nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAIDs) wie Ibuprofen oder Diclofenac blockiert wird. Darüber hinaus hemmt Teufelskralle die Lipoxygenase und die Leukotrien-Biosynthese, greift also an mehreren Punkten des Entzündungsgeschehens ein.
Die Qualität des Endprodukts hängt massgeblich davon ab, ob der Harpagosid-Gehalt analytisch geprüft und transparent ausgewiesen wird. Die Qualität der Wurzel, das Erntealter und das Extraktionsverfahren bestimmen den Harpagosid-Gehalt – weshalb standardisierte Extrakte mit deklariertem Wirkstoffgehalt gegenüber blossem Wurzelpulver vorzuziehen sind.
| Inhaltsstoffklasse | Hauptvertreter | Dokumentierte Eigenschaften |
|---|---|---|
| Iridoidglykoside | Harpagosid, Harpagid | COX-2-Hemmung, analgetisch |
| Flavonoide | Fisetin, Kämpferol, Luteolin | Antioxidativ, entzündungsmodulierend |
| Phenylpropanoide | Acteosid, Isoacteosid | Antioxidativ |
| Triterpene | — | Entzündungsmodulierend |
Gelenke und Arthrose – was die klinischen Studien zeigen
Teufelskralle ist eine der wenigen Heilpflanzen, die in direkten Vergleichsstudien gegen zugelassene Medikamente getestet wurde – und dabei bestanden hat.
Eine randomisierte, aktiv kontrollierte klinische Studie (Farpour et al., 2021, Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine) untersuchte 60 Patientinnen und Patienten mit Kniegelenksarthrose (Kellgren-Lawrence Grad 1–2). Verglichen wurden tägliche Harpagophytum-Tabletten (2 × 480 mg) über vier Wochen mit dem NSAID Meloxicam (15 mg/Tag) über zehn Tage. Die Bewertung erfolgte anhand etablierter Schmerzskalen (VAS, WOMAC, Oxford Knee Scale) nach 2, 4 und 8 Wochen. Ergebnis: Beide Gruppen zeigten signifikante Verbesserungen bei Schmerz und Funktion – ohne statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen. Teufelskralle war Meloxicam damit ebenbürtig, bei gleichzeitig deutlich besserem Verträglichkeitsprofil.
Eine ältere, aber methodisch starke prospektive Multicenterstudie (Leblan et al., 2000, Joint Bone Spine) verglich Harpagophytum über vier Monate mit Diacerhein – einem in Europa zugelassenen Arthrosemittel – bei Knie- und Hüftarthrose. Auch hier: vergleichbare Wirksamkeit, weniger unerwünschte Wirkungen unter der Pflanzenlösung.
Der Cochrane-Review von Cameron & Chrubasik (2014) fasste die verfügbare Evidenz zu oralen Heilpflanzenmitteln bei Arthrose zusammen (Cameron & Chrubasik, Cochrane Database, 2014) und stellte bei Harpagophytum moderate Evidenz für Schmerzreduktion bei Hüft- und Kniearthrose fest – mit einer Einschränkung: Die Studienqualität variiert stark, und der direkte Vergleich mit modernen Arthrose-Leitlinienmedikamenten fehlt bislang in grossen RCTs.
Rückenschmerzen – die stärkste klinische Evidenz
Bei nicht-spezifischen chronischen Rückenschmerzen ist die Datenlage für Teufelskralle sogar noch robuster als bei Arthrose.
Eine systematische Übersichtsarbeit (Gagnier, Chrubasik & Manheimer, 2004, BMC Complementary and Alternative Medicine) identifizierte starke Evidenz für die Wirksamkeit eines wässrigen Harpagophytum-Extrakts bei akuten Exazerbationen chronischer Rückenschmerzen. Relevanter Befund dabei: Patientinnen und Patienten in der Verumgruppe benötigten signifikant weniger zusätzliche Analgetika als in der Placebogruppe.
Der Cochrane-Review zu Phytotherapeutika bei Rückenschmerzen (Oltean et al., 2014, Cochrane Database Syst Rev) bestätigt: Teufelskrallenextrakt ist das am besten untersuchte Pflanzenmittel in diesem Indikationsgebiet – mit Evidenz, die für eine unterstützende Anwendung spricht, wenngleich die Gesamtstudienqualität weitere Forschung wünschenswert macht.
Teufelskralle als Teil einer natürlichen Gelenkformel
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Sicherheit und Verträglichkeit – besser als ihr Ruf
Eine der wichtigsten Eigenschaften von Teufelskralle ist ihr ausgeprägtes Sicherheitsprofil. In einer umfassenden bibliografischen Übersicht (Brendler, 2021, Pharmaceuticals) – der bislang vollständigsten Dokumentation der wissenschaftlichen Literatur zu Harpagophytum – wird dieses als eines der am besten dokumentierten Sicherheitsprofile unter den Phytotherapeutika beschrieben.
In kontrollierten Studien traten bei rund 3 Prozent der Anwenderinnen und Anwender milde unerwünschte Wirkungen auf, vorwiegend im Bereich des Magen-Darm-Trakts – und nicht häufiger als in den jeweiligen Placebo-Kontrollgruppen. Zum Vergleich: Gastrointestinale Nebenwirkungen sind bei klassischen NSAIDs mit 15–30 Prozent deutlich häufiger, insbesondere bei Langzeitanwendung.
Wichtige Hinweise zur Einschränkung: Teufelskralle sollte nicht bei Magengeschwüren oder aktiver Gastritis eingesetzt werden – die Bitterstoffe regen die Magensäureproduktion an. Wechselwirkungen mit Antikoagulantien (Blutverdünnern) sind möglich und sollten ärztlich abgeklärt werden. In der Schwangerschaft ist Teufelskralle kontraindiziert.
Von der Buschmedizin zur modernen Phytopharmazie – was das für die Qualität bedeutet
Teufelskralle ist heute eines der wichtigsten Exportprodukte der Pflanzenheilkunde aus dem südlichen Afrika – und genau darin liegt eine der grössten Herausforderungen für Konsumentinnen und Konsumenten: Die Qualität der handelsüblichen Produkte variiert erheblich.
Die Ernte der Speicherwurzeln erfolgt meist nach mehrjährigem Wachstum der Pflanze. Übermässige Ernte in bestimmten Regionen Namibias und Südafrikas hat in der Vergangenheit zu Bestandsrückgängen geführt – was nachhaltige Ernterichtlinien und zertifizierte Lieferketten zu einem relevanten Qualitätsmerkmal macht.
Für die Wirksamkeit entscheidend sind drei Faktoren: der Harpagosid-Gehalt des Extrakts, das Extraktionsverfahren (wässrige Extrakte zeigen in Studien oft bessere Bioverfügbarkeit als ethanolische) und die Standardisierung des Endprodukts, also ob der Harpagosid-Gehalt analytisch geprüft und ausgewiesen wird. Produkte, die nur «Teufelskrallenwurzel-Pulver» deklarieren ohne Angabe des Wirkstoffgehalts, lassen eine solche Überprüfung nicht zu.
Praktische Einordnung: Für wen ist Teufelskralle geeignet?
Teufelskralle ist kein Wundermittel und kein Ersatz für eine ärztliche Diagnose bei ernsthaften Gelenkerkrankungen. Was sie leisten kann: eine gut verträgliche, pflanzliche Unterstützung bei leichten bis mittelschweren Beschwerden des Bewegungsapparats – insbesondere bei degenerativen Gelenkerkrankungen und chronischen Rückenschmerzen.
Die Datenlage spricht für eine Kurbehandlung über mehrere Wochen; die Wirkung setzt in der Regel nicht sofort ein, sondern baut sich über zwei bis vier Wochen auf. Das unterscheidet Teufelskralle von synthetischen Analgetika – erfordert aber auch, dass Anwenderinnen und Anwender realistische Erwartungen mitbringen.
Für Menschen, die NSAIDs schlecht vertragen oder dauerhaft auf sie angewiesen sind, stellt Teufelskralle in standardisierter und dokumentierter Qualität eine wissenschaftlich begründete Alternative dar – eine Aussage, die sich für die wenigsten pflanzlichen Wirkstoffe mit vergleichbarer Evidenzgrundlage treffen lässt.
Dieser Artikel dient ausschliesslich Informationszwecken. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und gesunde Lebensweise. Bei gesundheitlichen Fragen, insbesondere bei chronischen Erkrankungen oder bei Einnahme von Medikamenten, wenden Sie sich bitte an eine ärztliche Fachperson.
Quellen
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Farpour HR, Rajabi N, Ebrahimi B. (2021). The Efficacy of Harpagophytum procumbens (Teltonal) in Patients with Knee Osteoarthritis: A Randomized Active-Controlled Clinical Trial. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, 2021, 5596892. https://doi.org/10.1155/2021/5596892
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Brendler T. (2021). From Bush Medicine to Modern Phytopharmaceutical: A Bibliographic Review of Devil's Claw (Harpagophytum spp.). Pharmaceuticals, 14(8), 726. https://doi.org/10.3390/ph14080726
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Gagnier JJ, Chrubasik S, Manheimer E. (2004). Harpagophytum procumbens for osteoarthritis and low back pain: A systematic review. BMC Complementary and Alternative Medicine, 4, 13. https://doi.org/10.1186/1472-6882-4-13
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Cameron M, Chrubasik S. (2014). Oral herbal therapies for treating osteoarthritis. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2014(5), CD002947. https://doi.org/10.1002/14651858.CD002947.pub2
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Oltean H, Robbins C, van Tulder MW et al. (2014). Herbal medicine for low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2014(12), CD004504. https://doi.org/10.1002/14651858.CD004504.pub4
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Leblan D, Chantre P, Fournié B. (2000). Harpagophytum procumbens in the treatment of knee and hip osteoarthritis. Joint Bone Spine, 67(5), 462–467. PubMed