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Natura Nova – traditionelle europäisch bewährte Rezepturen
Natura Nova – traditionell europäisch bewährte Rezepturen

Natura Nova

Entdecke Natura Nova: sorgfältig zusammengestellte Rezepturen auf Basis traditionell bewährter europäischer Kräuter.

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Blüte der Engelwurz

Engelwurz: Die Pflanze, die Erzengeln ihren Namen verdankt

Kaum eine Pflanze trägt einen so grossen Namen wie die Engelwurz – und kaum eine hat ihn sich so hart erarbeitet: Seit dem Mittelalter gilt die stattliche Doldenblütlerin als eine der bedeutendsten Bitterpflanzen der europäischen Pflanzenkunde.

Woher der Name der Engelwurz stammt – und warum er ihr geblieben ist

Die Geschichte beginnt mit einer Legende: Einem Einsiedler soll im Mittelalter ein Erzengel im Traum erschienen sein und ihm eine Pflanze gezeigt haben, die Schutz vor der Pest biete. Je nach Überlieferung war es Raphael, Gabriel oder Michael – die Botschaft blieb dieselbe. Aus dieser Erzählung leitet sich auch der wissenschaftliche Name ab: "Angelica" geht auf das lateinische "angelicus" (engelhaft) zurück, "archangelica" bedeutet Erzengel. Im deutschen Sprachraum sind daneben Namen wie Heiliggeistwurz, Brustwurz oder Theriakwurz überliefert.

Ursprünglich stammt die Engelwurz aus dem hohen Norden – die ältesten schriftlichen Zeugnisse zu ihrer Nutzung finden sich in Skandinavien, Island und Grönland, wo sie unter dem Namen "Kvan" bekannt war. Ihr Stellenwert dort war so hoch, dass eine isländische Rechtsvorschrift das Ausgraben fremder Engelwurzpflanzen ausdrücklich untersagte. Wikinger sollen die Pflanze im 10. Jahrhundert nach Mitteleuropa gebracht haben, wo sie rasch in Klostergärten kultiviert wurde und sich von dort aus in der Landschaft ausbreitete. Diese Klostertradition ist kein Zufall: Über Jahrhunderte war die Engelwurz fester Bestandteil der europäischen Pflanzenkunde und wurde in nahezu jedem grösseren Kräutergarten angebaut.

Was die Engelwurz botanisch zu einer der eindrücklichsten Doldenblütlern Europas macht

Botanisch gehört die Echte Engelwurz (Angelica archangelica) zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae) – damit ist sie mit Karotte, Sellerie, Liebstöckel und Kümmel verwandt. Die zwei- bis gelegentlich dreijährige Pflanze bildet im ersten Jahr eine kräftige Blattrosette und schiesst im zweiten Jahr zu einem bis zu zwei Meter hohen, hohlen und im oberen Bereich purpurrot überlaufenen Stängel auf. Die kugeligen, grünlich-weissen Blütendolden erscheinen zwischen Juli und August und sind bei Insekten als Nahrungsquelle sehr beliebt.

Die Pflanze bevorzugt feuchte, nährstoffreiche Standorte wie Flussufer, Auwälder und Gräben und ist im nördlichen und mittleren Europa sowie in Teilen Asiens heimisch. Von der nah verwandten, wild wachsenden Waldengelwurz (Angelica sylvestris) unterscheidet sich die Echte Engelwurz unter anderem durch den kräftigeren Wuchs und den intensiveren, an Sellerie erinnernden Geruch.

Wichtig zu wissen: Am selben Standort wachsen mitunter giftige Doppelgänger wie der Gefleckte Schierling, der Wasserschierling oder der stark phototoxische Riesen-Bärenklau – allesamt Doldenblütler, die für Laien nicht immer leicht von der Engelwurz zu unterscheiden sind. Wer die Pflanze in freier Natur sammeln möchte, sollte sich der eindeutigen Bestimmung durch Fachpersonen sicher sein.

Welche Inhaltsstoffe der Wurzel ihre charakteristische Wirkung verleihen

Verwendet wird vor allem die getrocknete Wurzel, botanisch als Angelicae radix bezeichnet. Sie enthält ätherisches Öl (rund 0,5 bis 1 Prozent) mit Monoterpenen, dazu Bitterstoffe, Gerbstoffe, Harze, Pektin sowie eine Gruppe von Substanzen, die für die Engelwurz besonders charakteristisch ist: die Furanocumarine, darunter Angelicin, Bergapten, Imperatorin und Xanthotoxin.

Inhaltsstoffgruppe Vorkommen Traditionell zugeschriebene Rolle
Ätherisches Öl Wurzel, Samen Prägt das würzige Aroma; in der Pflanzenkunde mit einer anregenden Wirkung auf Speichel- und Verdauungssaftbildung verbunden
Bitterstoffe Wurzel Klassisches Merkmal der europäischen Bitterpflanzentradition
Furanocumarine (u. a. Angelicin, Bergapten, Imperatorin, Xanthotoxin) Wurzel, Kraut In der Pflanzenkunde mit krampflösenden Eigenschaften diskutiert; zugleich Ursache für Photosensibilisierung (siehe Abschnitt Sicherheit)
Gerbstoffe, Harze, Pektin Wurzel Tragen zu Textur und Haltbarkeit der getrockneten Droge bei

Wofür die traditionelle Pflanzenheilkunde die Engelwurz seit Jahrhunderten einsetzt

In der etablierten Pflanzenheilkunde – dokumentiert unter anderem in den Monografien der deutschen Kommission E und der europäischen Fachgesellschaft ESCOP – wird Angelikawurzel traditionell bei dyspeptischen Beschwerden eingesetzt: bei leichten Magen-Darm-Krämpfen, verzögerter Verdauung, Blähungen und Völlegefühl sowie bei Appetitlosigkeit. Diese Einordnung beruht auf langjähriger Anwendungserfahrung und ist ausdrücklich als traditionelle Verwendung gekennzeichnet – nicht als durch klinische Studien im engeren Sinn belegte Wirkung. Ergänzend führen ältere Überlieferungen auch eine Nutzung bei Bronchialbeschwerden als schleimlösendes Mittel sowie – in Form von schweisstreibenden Aufgüssen – bei fiebrigen Erkältungen an.

In der Praxis wird die getrocknete Wurzel meist als Tee-Aufguss, als alkoholische Tinktur oder als Bestandteil fertiger Kombinationspräparate verwendet. Charakteristisch für viele dieser traditionellen Zubereitungen ist der ausgeprägt bittere, würzige Geschmack, der bereits für sich genommen reflexartig die Speichel- und Verdauungssaftbildung anregen kann – ein Wirkprinzip, das die gesamte Gruppe der Bitterpflanzen kennzeichnet.

Was eine klinische Untersuchung zu einer Bitterstoffkombination mit Engelwurz zeigt

Engelwurz wird in der Praxis selten allein, sondern meist als Teil mehrpflanzlicher Bitterstoffkombinationen eingesetzt. Eine 2004 im Fachjournal "Alimentary Pharmacology & Therapeutics" veröffentlichte Meta-Analyse (RCT, Mensch) wertete gepoolte Daten aus drei placebokontrollierten Studien zu einer neun Kräuter umfassenden Kombination – unter anderem mit Iberis, Kamille, Kümmel, Süssholz, Mariendistel, Melisse, Pfefferminze und Engelwurz – bei Patientinnen und Patienten mit funktioneller Dyspepsie aus. Das Ergebnis: Unter der pflanzlichen Kombination besserte sich das jeweils belastendste Verdauungssymptom deutlich häufiger als unter Placebo, bei vergleichbarer Verträglichkeit. Der spezifische Beitrag der Engelwurz lässt sich aus einer solchen Kombinationsstudie naturgemäss nicht isoliert herauslesen – das Gesamtbild der Formel spricht aber für die lange Bittermittel-Tradition, in der die Pflanze verankert ist.

Was eine neuere Untersuchung zu den Blättern der Engelwurz beobachtet hat

Abseits der Verdauung ist Engelwurz in jüngerer Zeit auch in einem ganz anderen Bereich untersucht worden: 2025 veröffentlichte ein Forschungsteam eine dreifach verblindete, placebokontrollierte Pilotstudie (RCT, Mensch, 143 Teilnehmende) zu einem Extrakt aus Engelwurz-Blättern bei Personen mit überaktiver Blase. Nach sechs Wochen zeigte die Extraktgruppe im Vergleich zu Placebo eine signifikante Verbesserung bei den Tages-Toilettengängen, im Speicherwert des IPSS-Fragebogens und bei der Lebensqualität. Da es sich um eine Pilotstudie mit Blattextrakt – einem anderen Pflanzenteil als der klassisch verwendeten Wurzel – handelt, sind die Ergebnisse als erster, vielversprechender Hinweis zu werten, der weitere Forschung nahelegt.

Wo die Engelwurz heute überall noch eine Rolle spielt

In Skandinavien und Grönland gehören junge Blätter und Stängel der Engelwurz traditionell auf den Teller – roh im Salat, kandiert als Süssigkeit oder als aromatische Zutat zu eingekochtem Obst. Samen und Wurzel liefern bis heute das charakteristische würzige Aroma für traditionelle Kräuterliköre und Magenbitter, eine Verwendung, die sich bis in die Klosterrezepturen des Mittelalters zurückverfolgen lässt. Auch als Zierpflanze mit ihrem imposanten Wuchs findet die Engelwurz in naturnahen Gärten zunehmend wieder Beachtung.

Sicherheit und Anwendung: Worauf bei der Engelwurz zu achten ist

Die in der Engelwurz enthaltenen Furanocumarine können die Haut lichtempfindlicher machen. Nach Hautkontakt mit frischem Pflanzensaft oder nach der Einnahme höher dosierter Zubereitungen sollte längere, intensive Sonnen- oder UV-Exposition vermieden werden, da sonst Hautreaktionen wie Rötung oder Brennen auftreten können.

Da Engelwurz die Magensaftsekretion anregen kann, wird bei bestehenden Magen- oder Darmgeschwüren von einer Anwendung abgeraten. In der Schwangerschaft gilt traditionell Zurückhaltung, da die Datenlage zur Sicherheit unzureichend ist. Auch in der Stillzeit sowie bei Kindern sollte vor einer Anwendung fachlicher Rat eingeholt werden.

Wer blutverdünnende Medikamente oder andere photosensibilisierende Arzneimittel einnimmt, sollte die gleichzeitige Anwendung von Engelwurz-Präparaten vorab mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Apotheke besprechen. Grössere Mengen, insbesondere des reinen ätherischen Öls, sind nicht zur Selbstanwendung geeignet und sollten Fachpersonen vorbehalten bleiben. Bei unklaren oder länger anhaltenden Verdauungsbeschwerden ersetzt Engelwurz keine ärztliche Abklärung.

Fazit: Eine Pflanze zwischen Legende, Klostergarten und moderner Forschung

Die Engelwurz blickt auf eine der eindrücklichsten Traditionslinien der europäischen Pflanzenkunde zurück – vom mittelalterlichen Klostergarten bis in die heutigen Bitterstoffmonografien. Ihre traditionelle Verwendung bei Verdauungsbeschwerden ist in etablierten Monografien wie jener der Kommission E gut dokumentiert. Klinische Studien zur Einzelpflanze sind rar; belastbarer ist die Datenlage für mehrpflanzliche Bitterstoffkombinationen, in denen Engelwurz ein fester Bestandteil ist. Eine neuere Pilotstudie zu Engelwurz-Blättern bei Blasenbeschwerden zeigt zudem, dass diese traditionsreiche Pflanze auch für die moderne Forschung noch nicht ausgeschöpft ist. Wer die Engelwurz für sich entdecken möchte, findet damit eine Pflanze, die Geschichte, Küche und Pflanzenkunde auf ungewöhnlich dichte Weise miteinander verbindet – vorausgesetzt, die Hinweise zu Photosensibilisierung und Anwendungsgrenzen werden beachtet.


Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information über die Engelwurz und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke.


Quellen

  • Health Canada – Natural Health Products Ingredients Database: Monograph Angelica (Angelica archangelica). webprod.hc-sc.gc.ca
  • ESCOP – Angelicae radix (Angelica root) Monograph, 2021. escop.com
  • Altmeyers Encyclopedia – Angelicae radix, Department of Phytotherapy. altmeyers.org
  • Melzer J, Rösch W, Reichling J, Brignoli R, Saller R. Meta-analysis: phytotherapy of functional dyspepsia with a nine-herb drug preparation. Aliment Pharmacol Ther. 2004. PMID: 15606389
  • Effects of Angelica archangelica Extract on Overactive Bladder: A Pilot Randomized Controlled Trial. PMC. ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC12683295
  • EMA – Reflection Paper on furocoumarins in herbal preparations from Angelica archangelica L. ema.europa.eu
  • Welterbe Klostermedizin – Angelika (Angelica archangelica L.), Apiaceae. welterbe-klostermedizin.de
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