Es ist kein Moos, es wächst nicht nur in Island, und in Notzeiten wurde es zu Brot verbacken: Das Isländische Moos (Cetraria islandica) ist eine Flechte, ein Zusammenleben von Pilz und Alge, und begleitet die europäische Pflanzenkunde seit Jahrhunderten. Hier steht alles, was man über diese brüchige, bittere und erstaunlich zähe Flechte wissen kann, von ihrem Aussehen über die Geschichte bis zur Zubereitung als Tee.
Warum diese Flechte kein Moos ist und trotzdem so heisst
Flechten sind keine Pflanzen im engeren Sinn. Ein Pilz und eine Alge, zum Teil auch Cyanobakterien, bilden gemeinsam einen Körper, den die Botanik Thallus nennt. Der Pilz sorgt für Halt und Struktur, die Alge für Energie aus dem Licht. Mit einem echten Moos ist sie nicht verwandt.
Das Isländische Moos gehört zu den Schüsselflechten (Familie Parmeliaceae) und ist gut zu erkennen. Der Thallus wird bis etwa 15 cm lang und besteht aus unregelmässig gegabelten, rinnenförmigen oder fast flachen, steifen Bändern von 0,3 bis 1,5 cm Breite. Die Oberseite ist grünlich bis braun, die Unterseite grauweiss bis hellbräunlich mit hellen, eingesenkten Flecken, den sogenannten Atemhöhlen. Der Rand wirkt oft leicht gewimpert. Braune, scheibenförmige Fruchtkörper tragen die Spitzen nur sehr selten. Trocken ist die Flechte spröde und knackig, im Wasser wird sie weich und quillt.
Wo das Isländische Moos wächst und woher es im Handel kommt
Der Name führt in die Irre, denn die Flechte wächst nicht nur auf Island. Sie ist in arktischen und subarktischen Regionen verbreitet, in Nord- und Osteuropa, Sibirien und Nordamerika, und steigt auch in Mittel- und Hochgebirge hinauf, etwa in Deutschland, Norditalien, Tschechien, der Slowakei und Polen. Sie wächst locker auf dem Boden.
Das Material für den Handel stammt laut Bewertungsbericht der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) vor allem aus Nord-, Mittel- und Osteuropa, besonders aus Skandinavien, Bulgarien, den Ländern des ehemaligen Jugoslawien, Rumänien und Kanada. Weil Flechten Stoffe direkt aus der Luft aufnehmen, ist die Herkunft nicht nebensächlich (mehr dazu im Abschnitt Sicherheit).
Von der Notnahrung zum Teekraut: eine Flechte mit langer Geschichte
Der Weg des Isländischen Mooses durch die Bücher beginnt im Mittelalter. Der Botaniker Valerius Cordus erwähnte es früh, und 1672 beschrieb Bartholin die Flechte unter dem Namen «Lichen islandicus». Linné hielt sie 1737 für eine wichtige Pflanze. 1813 isolierte der Chemiker Berzelius daraus die erste Polysaccharidfraktion, die je aus einer Flechte gewonnen wurde. Auch in der Schweiz hat sie ihren Platz: Die Pharmacopoea Helvetica führte sie 1953, 1971 und 1987, daneben das Deutsche und das Europäische Arzneibuch.
Im Norden war die Flechte vor allem Nahrung. In arktischen und subarktischen Gebieten diente sie in Hungerjahren als Notnahrung und wurde auch in normalen Jahren zu Brot und Süssspeisen wie Gelee verarbeitet. Das Problem waren die Bitterstoffe: Man behandelte die Flechte deshalb mit Holzasche und kochendem Wasser. Aus Fütterungsversuchen weiss man, dass unbehandeltes Material schlechter vertragen wird als vorbehandeltes.
Was in der Flechte steckt: ein Viertel bis die Hälfte sind Schleimstoffe
Den grössten Teil der Trockenmasse machen Polysaccharide aus, langkettige Zuckerverbindungen, die in Wasser quellen und Schleim bilden. Daneben enthält der Thallus Flechtensäuren, die für den bitteren Geschmack sorgen. Das Europäische Arzneibuch verlangt für die Droge eine Mindest-Quellungszahl von 4,5. Schleimstoffe sind in der europäischen Pflanzenkunde ein Klassiker, ein weiteres Beispiel ist der Eibisch.
| Stoffgruppe | Beispiele | Gehalt laut EMA-Bericht | Merkmal |
|---|---|---|---|
| Schleimstoffe (Polysaccharide) | Lichenan (β-Glucan), Isolichenan (α-Glucan), verzweigte Galactomannane | 25 bis 50 % | Lichenan löst sich in heissem, Isolichenan in kaltem Wasser |
| Flechtensäuren | Fumarprotocetrarsäure, Protocetrarsäure, Protolichesterinsäure | Fumarprotocetrarsäure 2,6 bis 11,5 %, Protolichesterinsäure 0,1 bis 1,5 % (je nach Fundort) | Bitterer Geschmack; schwer löslich in kaltem Wasser |
| Usninsäure | Dibenzofuran-Derivat | nur Spuren (rund 0,04 %), in anderen Untersuchungen nicht nachweisbar | In vielen anderen Flechten deutlich häufiger |
| Mineralstoffe und Spurenelemente | Calcium, Magnesium, Eisen; je nach Standort auch Blei und Cadmium | standortabhängig | Flechten nehmen Stoffe aus der Luft auf |
Bitter, schleimig, mild: wie das Isländische Moos schmeckt und zubereitet wird
Wer Isländisches Moos aufbrüht, merkt schnell zwei Dinge: Der Tee schmeckt herb-bitter, und er wird leicht schleimig. Beides hat mit den Inhaltsstoffen zu tun. Die Flechtensäuren lösen sich in kaltem Wasser kaum, die Schleimstoffe teils in heissem, teils in kaltem Wasser. Deshalb gibt es in der Überlieferung zwei Wege: den heissen Aufguss oder die Abkochung und den Kaltauszug, der kurz nach der Zubereitung getrunken wird. Die Bitterstoffe sind auch der Grund, warum die Flechte traditionell als Bitterkraut vor den Mahlzeiten genutzt wurde. Mehr zu dieser Stoffgruppe steht im Beitrag über Bitterstoffe, ein weiteres Beispiel einer Bitterpflanze der europäischen Kräutertradition ist die Löwenzahnwurzel.
Die folgenden Angaben stammen aus dem EMA-Bericht und beschreiben die traditionelle Zubereitung, nicht eine Empfehlung für den Einzelfall.
| Form | Traditionelle Angabe | Hinweis |
|---|---|---|
| Tee oder Kaltauszug (bei Reizungen von Mund und Rachen) | 1,5 g zerkleinerte Flechte auf 150 ml kochendes Wasser, 3- bis 4-mal täglich; Kaltauszug direkt nach der Zubereitung trinken | Für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren |
| Tee (bei vorübergehender Appetitlosigkeit) | 1 bis 2 g auf 150 ml Wasser, 3-mal täglich, als Aufguss oder Abkochung | Nur für Erwachsene |
| Lutschpastillen mit wässrigem Extrakt | Marktübliche Pastillen enthalten rund 80 bis 100 mg Extrakt; 1 bis 2 Pastillen mehrmals täglich | Wegen der Darreichungsform nicht unter 6 Jahren |
Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der EMA (HMPC) ordnet diese Anwendungen als «traditionelle Verwendung» ein: Aufgrund von mindestens 30 Jahren Gebrauch, davon mindestens 15 in der EU, hält er den Einsatz der Schleimstoffdroge bei Reizungen von Mund und Rachen mit trockenem Reizhusten und, bei Erwachsenen, bei vorübergehender Appetitlosigkeit für plausibel. Einen Wirksamkeitsnachweis im strengen Sinn sieht er nicht.
Und die Forschung? Ein paar Beobachtungen am Rand
Die Studienlage ist überschaubar, und genau das macht sie kurz erzählt. Eine kleine Studie von Kempe und Kollegen (1997; randomisierte Dosisvergleichsstudie ohne Placebo, rund 60 Erwachsene) gab Pastillen mit wässrigem Extrakt an Patientinnen und Patienten, die nach einer Nasenoperation durch den Mund atmen mussten. Die trockene, gereizte Mundschleimhaut besserte sich über fünf Tage in allen Dosisgruppen, ohne berichtete Nebenwirkungen. Ob das am Moos oder an der natürlichen Erholung lag, lässt sich ohne Placebogruppe nicht sagen.
Im Labor wird an den Schleimstoffen geforscht. Ein isländisches Team isolierte 1994 aus der Flechte ein verzweigtes Galactomannan, das in Zellversuchen die Aufnahmeaktivität weisser Blutkörperchen steigerte (in vitro; zusätzlich ein Mausversuch mit Injektion, Tierstudie). 2006 zeigte eine Arbeit an menschlichen Immunzellen (in vitro), dass das Lichenan die Ausschüttung der Botenstoffe IL-10 und IL-12p40 erhöhte. Das sind Befunde aus Zellkulturen, sie sagen wenig über eine Tasse Tee.
Was man vor dem Aufbrühen wissen sollte: Sicherheit und Herkunft
Verträglichkeit. In den vorliegenden Studien wurden keine oder nur leichte, vorübergehende Beschwerden berichtet. Bei Menschen mit Neigung zu Kontaktallergien oder Lichtüberempfindlichkeit zeigten Hauttests (Thune und Solberg, 1980; im EMA-Bericht zitiert) allergische Reaktionen auf Flechten. Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen die Flechte ist die Anwendung ausgeschlossen.
Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder. Zur Sicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit fehlen Daten, die EMA empfiehlt die Anwendung nicht. Bei Kindern unterscheiden sich die Altersgrenzen je nach Darreichungsform, und die Datenlage ist begrenzt. Ärztlicher Rat ist hier sinnvoll.
Wechselwirkungen. Es sind keine bekannt. Vorsorglich empfiehlt die EMA einen Abstand von einer halben bis einer Stunde zu anderen Arzneimitteln, weil Schleimstoffe deren Aufnahme verzögern könnten. Bestätigt ist das nicht.
Schadstoffe. Flechten reagieren empfindlich auf Luftverschmutzung und reichern Stoffe aus der Umgebung an. In Proben aus Südfinnland fanden sich erhöhte Gehalte an Blei, Cadmium und Quecksilber. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl war Material aus Skandinavien mit tiefer Radioaktivität zeitweise schwer zu beschaffen, seit 1994 hat sich das verbessert. Das Europäische Arzneibuch begrenzt den Bleigehalt auf 10 ppm. Die Flechte steht zudem im EFSA-Kompendium von Pflanzen mit möglichen Bedenken, wegen ihrer Flechtenstoffe und der Fähigkeit, Schwermetalle anzureichern. Herkunft und geprüfte Qualität zählen deshalb mehr als bei vielen anderen Kräutern. Ein altes Fütterungsexperiment mit 50 % unbehandelter Flechte im Futter war für Mäuse toxisch, bei üblichen Mengen erwartet der Ausschuss keine solchen Effekte.
Dauer. Ohne ärztlichen Rat gilt eine Anwendungsdauer von höchstens einer Woche. Bei Atemnot, Fieber oder eitrigem Auswurf sollte eine Ärztin oder ein Arzt konsultiert werden.
Fazit: eine genügsame Flechte mit viel Geschichte
Das Isländische Moos ist ein gutes Beispiel für europäisches Pflanzenwissen, das auf Erfahrung beruht: eine unscheinbare Flechte aus dem Norden und den Bergen, die als Notnahrung, als Bitterkraut und als Schleimstoffdroge ihren Platz in Küche und Arzneibüchern fand. Gut beschrieben sind Aussehen, Verbreitung, Inhaltsstoffe und Zubereitung. Die Forschung ist dagegen überschaubar, es gibt eine kleine Studie am Menschen ohne Placebovergleich und Laborarbeiten, die sich nicht auf den Alltag übertragen lassen. Wer die Flechte nutzt, sollte auf geprüfte Herkunft achten und die Hinweise zu Schwangerschaft, Kindern und Anwendungsdauer beachten.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information über das Isländische Moos und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke.
Quellen
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), HMPC: Final assessment report on Cetraria islandica (L.) Acharius s.l., thallus, EMA/HMPC/36866/2014 (2015).
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), HMPC: European Union herbal monograph on Cetraria islandica (L.) Acharius s.l., thallus, EMA/HMPC/678891/2013 (2015).
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Lichen islandicus – herbal medicinal product, Übersichtsseite mit Zusammenfassung für die Öffentlichkeit (EMA/812331/2016).
- Kempe C, Grüning H, Stasche N, Hörmann K. Isländisch-Moos-Pastillen zur Prophylaxe bzw. Heilung von oralen Schleimhautirritationen und ausgetrockneter Rachenschleimhaut. Laryngorhinootologie 1997;76(3):186–188. doi:10.1055/s-2007-997409 (randomisierte Dosisvergleichsstudie, Mensch).
- Ingólfsdóttir K, Jurcic K, Fischer B, Wagner H. Immunologically active polysaccharide from Cetraria islandica. Planta Med 1994;60(6):527–531. doi:10.1055/s-2006-959564 (in vitro und Tierstudie).
- Omarsdottir S, Olafsdottir ES, Freysdottir J. Immunomodulating effects of lichen-derived polysaccharides on monocyte-derived dendritic cells. Int Immunopharmacol 2006;6:1642–1650. Suche in PubMed (in vitro).
- Olafsdottir ES, Ingólfsdóttir K. Polysaccharides from lichens: structural characteristics and biological activity. Planta Med 2001;67:199–208. doi:10.1055/s-2001-12012 (narrative Übersicht).