Schon Karl der Grosse liess sie im 8. Jahrhundert per Erlass in den Klostergärten seines Reichs anbauen, und ihr Name steckt bis heute in einer weltbekannten Süssigkeit: Der Eibisch gehört zu den traditionsreichsten Pflanzen der europäischen Pflanzenkunde – und seine klebrigen Wurzeln haben es in sich.
Eine Steppenpflanze erobert Europas Gärten
Der Echte Eibisch (Althaea officinalis) ist ein Malvengewächs, das bis zu 1,5 Meter hoch wächst. Sein aufrechter, innen röhriger Stängel und die graugrünen, gelappten Blätter sind samtig-filzig behaart, von Juli bis September zeigt die Staude grosse, blassrosa Blüten mit purpurroten Staubbeuteln. Ursprünglich stammt die Pflanze aus den Steppenzonen Südosteuropas und Westasiens, von wo aus sie sich in den Mittelmeerraum und weiter nach Mitteleuropa ausbreitete. In freier Natur bevorzugt sie feuchte, gelegentlich leicht salzhaltige Standorte wie Flussufer, Gräben und Küstenwiesen – Lebensräume, die in Teilen Europas zunehmend seltener werden, weshalb der Eibisch heute überwiegend aus kontrolliertem Anbau stammt.
Bereits die antiken Gelehrten Dioskurides und Plinius beschrieben die Pflanze, und ihr lateinischer Beiname "Bismalva" beziehungsweise "Dialthaea" bedeutet so viel wie "doppelt so wirksam wie andere Malvengewächse" – ein Hinweis darauf, wie hoch man ihre Schleimstoffe schon damals schätzte. Volkstümliche Namen wie Husten-Wurz, Schleimwurzel oder Ibischwurz erzählen dieselbe Geschichte. Die Eibischwurzel wurde ursprünglich auch als Gemüse gegessen; aus ihren klebrigen Bestandteilen entstand, vermischt mit Eischnee und Zucker, ein Vorläufer der heutigen Marshmallows – ein Name, der bis heute an die Pflanze erinnert, auch wenn moderne Schaumzucker-Marshmallows längst ohne Eibisch auskommen.
Schleimstoffe: der eigentliche Stoff, um den sich alles dreht
Verantwortlich für die traditionelle Verwendung des Eibischs sind seine Schleimstoffe – komplexe, wasserbindende Kohlenhydratverbindungen, die vor allem in der Wurzel, aber auch in Blättern und Blüten vorkommen.
| Pflanzenteil | Schleimstoffanteil | Wichtige Bestandteile |
|---|---|---|
| Wurzel | bis zu 15–20 % | Galacturonorhamnane, Arabinogalactane, Glucane, Rhamnogalacturonane, dazu Pektine, Stärke, natürlicher Zucker |
| Blätter | bis zu 10 % | Schleimstoffe, Flavonoide, ätherisches Öl |
| Blüten | geringer als Wurzel | Schleimstoffe, Flavonoide |
Wie sich die Schleimschicht über gereizte Rachenschleimhaut legt
Für den Mund- und Rachenraum ist der Eibisch die vielleicht bekannteste Anwendung überhaupt: Traditionell und gemäss den Monografien der europäischen Arzneimittelbehörde EMA sowie der früheren Kommission E wird Eibischwurzel bei Reizungen der Mund- und Rachenschleimhaut sowie bei trockenem Reizhusten eingesetzt. Die Schleimstoffe legen sich dabei wie ein dünner, schützender Film über die gereizte Stelle und halten weitere Reize kurzzeitig fern – ein rein physikalisch-mechanisches Prinzip, das die Pflanze zu einer festen Zutat klassischer Brust- und Hustentee-Mischungen macht, oft kombiniert mit anderen Schleimdrogen wie Spitzwegerich oder Malve.
Eine 2020 erschienene narrative Übersichtsarbeit, die tierexperimentelle und klinische Daten zu Althaea officinalis systematisch zusammenfasste, bestätigte einen hustendämpfenden Effekt bei trockenem Husten – wobei die Kombination von Eibisch mit anderen Pflanzenextrakten in der Praxis oft deutlicher untersucht wurde als die Eibisch-Monotherapie allein. Ergänzend zeigten zwei Zellkulturstudien einer deutschen Forschungsgruppe, wie sich dieser Effekt auf zellulärer Ebene erklären lässt: Ein wässriger Wurzelextrakt schützte menschliche Fresszellen (Makrophagen) im Labor vor oxidativem Stress und dämpfte die Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe; eine Folgestudie beobachtete vergleichbare entzündungshemmende und zellschützende Effekte an Endothelzellen, die zusätzlich beweglicher wurden – ein Hinweis auf mögliche regenerationsfördernde Mechanismen. Beide Arbeiten wurden im Zellkulturmodell (in vitro) durchgeführt; ob sich diese Effekte in gleichem Umfang im menschlichen Körper zeigen, ist damit noch nicht abschliessend geklärt.
Was Laborstudien zur Haut beobachten
Neben dem Rachenraum hat der Eibisch eine lange, überwiegend erfahrungsheilkundliche Tradition bei der äusseren Anwendung: Umschläge, Bäder und Breiauflagen aus Eibischwurzel oder -blättern wurden volkstümlich bei trockener, gereizter Haut sowie bei Hautentzündungen eingesetzt – ein Anwendungsgebiet, das bislang nicht durch die europäischen Arzneimittelbehörden offiziell anerkannt ist, aber in den vergangenen Jahren erstmals gezielter erforscht wird.
Auf molekularer Ebene fand eine Forschungsgruppe der Universität Münster, dass ein wässriger Eibischwurzelextrakt die Aktivität des Enzyms humane Hyaluronidase-1 hemmt und dessen Bildung in Hautzellen (Keratinozyten) im Labor reduziert. Dieses Enzym baut Hyaluronsäure ab, die wiederum eine wichtige Rolle für die Feuchtigkeitsbindung und Regeneration der Haut spielt – auch dieser Befund stammt aus Zellkulturversuchen, nicht aus Anwendungen am Menschen.
Einen Schritt weiter ging eine 2021 veröffentlichte randomisierte, doppelblinde klinische Studie an 40 Kindern mit mittelschwerem bis schwerem atopischem Ekzem: Auf einer Körperhälfte kam ein steroidhaltiges Präparat zum Einsatz, auf der anderen ein topischer Eibischblüten-Extrakt beziehungsweise ein Scheinpräparat als Kontrolle. Nach vier Wochen hatte sich der Hautzustand (gemessen am SCORAD-Score) auf beiden behandelten Körperseiten vergleichbar stark gebessert. Es handelt sich um eine einzelne, kleine Studie an Kindern – weitere, grösser angelegte Untersuchungen an unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen stehen noch aus, bevor sich daraus allgemeine Schlüsse ziehen lassen.
Anwendung: Warum der Kaltauszug den Unterschied macht
Damit die Schleimstoffe der Wurzel möglichst vollständig ins Wasser übergehen, wird Eibischwurzeltee traditionell nicht wie gewöhnlicher Kräutertee mit kochendem, sondern mit kaltem Wasser angesetzt. Heisses Wasser lässt die in der Wurzel enthaltene Stärke quellen, was die Schleimstoff-Extraktion behindert.
| Schritt | Vorgehen |
|---|---|
| Menge | 1–2 Teelöffel getrocknete, geschnittene Eibischwurzel pro Tasse |
| Ansetzen | mit ca. 150–250 ml kaltem Wasser übergiessen |
| Ziehzeit | 1–2 Stunden, dabei gelegentlich umrühren |
| Abschluss | abseihen, danach auf Trinktemperatur erwärmen |
Sicherheit & Anwendung
Bei einer bekannten Allergie gegen Malvengewächse sollte auf Eibisch-Zubereitungen verzichtet werden. Für Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine ausreichenden Daten zur Unbedenklichkeit vor, weshalb in dieser Zeit vorab ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden sollte. Bei Kindern richtet sich die geeignete Zubereitung und Menge nach dem Alter; auch hier empfiehlt sich vorab eine Rücksprache mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Apotheke, insbesondere bei jüngeren Kindern. Da Eibischwurzel natürlichen Zucker enthält, kann dies für Menschen mit Diabetes relevant sein. Da der schützende Schleimfilm grundsätzlich auch die Aufnahme anderer, zeitgleich eingenommener oraler Arzneimittel verzögern kann, empfiehlt sich ein zeitlicher Abstand von möglichst ein bis zwei Stunden zur Einnahme anderer Präparate. Nebenwirkungen sind bislang keine bekannt.
Fazit: traditionsreich, aber noch lückenhaft erforscht
Die schleimhautschützende Wirkung des Eibischs bei Reizhusten und Rachenbeschwerden gehört zu den am längsten dokumentierten Anwendungen der europäischen Pflanzenkunde und wird von aktuellen Zellkulturdaten mechanistisch untermauert. Für den Bereich Haut liefert die erste kleine klinische Studie an Kindern mit atopischem Ekzem einen interessanten, aber noch vorläufigen Hinweis. Grössere, unabhängige klinische Studien – insbesondere zur Eibisch-Monotherapie bei Husten sowie zur äusseren Hautanwendung an Erwachsenen – stehen noch aus, um die traditionelle Erfahrung umfassender wissenschaftlich einzuordnen.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information über den Echten Eibisch und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke.
Quellen
- Mahboubi M. (2020): Marsh Mallow (Althaea officinalis L.) and Its Potency in the Treatment of Cough. Complementary Medicine Research, 27(3), 174–183. Narrative Übersichtsarbeit. DOI: 10.1159/000503747
- Bonaterra G. A. et al. (2020): Anti-inflammatory and Anti-oxidative Effects of Marshmallow Root Extract on Macrophages In Vitro. Frontiers in Pharmacology, 11:290. In-vitro-Studie. DOI: 10.3389/fphar.2020.00290
- Bonaterra G. A. et al. (2022): Marshmallow Root Extract Exerts Anti-inflammatory and Anti-oxidative Properties and Improves the Migratory Capacity of Endothelial Cells In Vitro. Frontiers in Pharmacology, 13:948248. In-vitro-Studie. DOI: 10.3389/fphar.2022.948248
- Sendker J. et al. (2017): Phytochemical Characterization of Low Molecular Weight Constituents from Marshmallow Roots (Althaea officinalis) and Inhibiting Effects of the Aqueous Extract on Human Hyaluronidase-1. Journal of Natural Products, 80(2), 290–297. In-vitro-Studie. DOI: 10.1021/acs.jnatprod.6b00670
- Khalighi N. et al. (2021): Impact of Althaea Officinalis Extract in Patients with Atopic Eczema: A Double-Blind Randomized Controlled Trial. Clinical Phytoscience, 7:1–6. Randomisiert-kontrollierte Studie (Mensch, pädiatrisch). DOI: 10.1186/s40816-021-00306-z
- European Medicines Agency (EMA), HMPC: European Union herbal monograph on Althaea officinalis L., radix. EMA/HMPC/436679/2015