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Natura Nova – traditionelle europäisch bewährte Rezepturen
Natura Nova – traditionell europäisch bewährte Rezepturen

Natura Nova

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Kleiner Odermennig: Warum eine unscheinbare Wegrandpflanze plötzlich wieder gefragt ist

Am Wegrand unscheinbar, im Labor zunehmend interessant: Der Kleine Odermennig gehört zu den Pflanzen, die über Jahrhunderte in fast jedem europäischen Kräutergarten standen – und die heute mit moderner Analytik neu vermessen werden. Was die Forschung an Gerbstoffen, Flavonoiden und ersten Humanstudien zu dieser gelb blühenden Wiesenpflanze zusammengetragen hat, zeigt, wie viel in einer so gewöhnlich wirkenden Pflanze steckt.

Was den Kleinen Odermennig zu einer der ältesten Kräuterpflanzen Europas macht

Agrimonia eupatoria, botanisch der Familie der Rosengewächse zugehörig, wächst als ausdauernde, 30 bis 100 Zentimeter hohe Staude an Wegrändern, auf Magerwiesen und lichten Gebüschsäumen – von den Azoren über ganz Europa bis nach Westasien. Die unpaarig gefiederten Blätter mit ihren grossen und kleinen Fiederblättchen sind unterseits dicht grau behaart, die kleinen gelben Blüten stehen in charakteristischen, langen Ähren. Nach der Blüte bilden sich kegelförmige Fruchtkelche mit hakigen Borsten, die sich an Fell und Kleidung heften – ein cleverer Verbreitungsmechanismus, der der Pflanze im Englischen den Namen "church steeples" oder schlicht "stickwort" eingebracht hat.

Verwendet werden die zur Blütezeit gesammelten und getrockneten oberirdischen Pflanzenteile, in der Pflanzenkunde als Odermennigkraut (Agrimoniae herba) bezeichnet. Die Droge ist Teil des Europäischen Arzneibuchs, ihre Qualität wird über den Gesamtgerbstoffgehalt definiert. Der lateinische Artname eupatoria verweist übrigens vermutlich auf die alte Verwendung bei Leberbeschwerden – eine Assoziation, die bis heute Gegenstand pharmakologischer Untersuchungen ist.

Wichtig für die Einordnung der Forschung: Neben dem in Europa heimischen Kleinen Odermennig existieren weitere Arten der Gattung Agrimonia, allen voran der in Ostasien verbreitete Agrimonia pilosa. Beide Arten teilen zwar viele Inhaltsstoffe, werden in Studien aber unterschiedlich untersucht und teils mit unterschiedlichen Extrakten und Dosierungen getestet. Ergebnisse zu Agrimonia pilosa lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf Agrimonia eupatoria übertragen – ein Punkt, den auch die zitierten Übersichtsarbeiten ausdrücklich betonen.

Welche Pflanzenstoffe im Odermennigkraut stecken

Was den Odermennig chemisch auszeichnet, ist vor allem sein Reichtum an Catechingerbstoffen und Ellagitanninen, allen voran die namensgebende Verbindung Agrimoniin. Daneben enthält das Kraut ein breites Spektrum an Flavonoiden – Luteolin, Apigenin, Quercetin- und Kaempferol-Glykoside, Isoquercitrin und Rutin sind mehrfach beschrieben worden. Hinzu kommen Phenolsäuren wie Gallussäure, Ellagsäure und Kaffeesäure, ätherisches Öl, Triterpene sowie geringe Mengen an Schleim- und Kieselstoffen. Eine 2025 publizierte Arbeit zur Extraktionsoptimierung (in vitro) konnte zeigen, dass sich der Agrimoniin- und Gesamtphenolgehalt durch angepasste Lösungsmittelverhältnisse gezielt erhöhen lässt – ein Hinweis darauf, wie variabel die Wirkstoffdichte je nach Aufbereitung ausfallen kann.

Was die traditionelle Anwendung von Odermennigkraut umfasst

Odermennigkraut ist bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA/HMPC) als traditionell verwendetes pflanzliches Mittel registriert. Die anerkannte traditionelle Anwendung beschränkt sich auf zwei Bereiche: die innerliche Anwendung bei leichten Durchfällen sowie die äusserliche Anwendung als Gurgel- oder Spüllösung bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum sowie bei kleineren, oberflächlichen Wunden. Diese Einstufung beruht auf der langjährigen Anwendungserfahrung am Menschen, nicht auf kontrollierten klinischen Studien – ein Unterschied, den die Kommission E und ESCOP in ihren jeweiligen Monographien ausdrücklich machen. Historisch reicht die Verwendung noch weiter: Im Mittelalter wurde Odermennig unter anderem bei Leber- und Gallenbeschwerden sowie zur Wundbehandlung eingesetzt, was die spätere Forschungsrichtung zu Leber und Magenschleimhaut nicht zufällig erscheinen lässt.

Was eine klinische Studie bei Menschen mit erhöhten Leberwerten beobachtet hat

Die bislang aussagekräftigste Humanstudie zum Odermennig stammt von Cho und Kollegen (2018): In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie erhielten 80 Erwachsene mit leicht bis moderat erhöhten ALT-Werten (45 bis 135 IU/l) über acht Wochen entweder einen wässrigen Odermennig-Extrakt (160 mg täglich) oder Placebo. Nach Studienende zeigte die Extraktgruppe eine statistisch signifikante Reduktion von ALT, AST und Triglyceriden gegenüber Placebo, bei guter Verträglichkeit und ohne schwerwiegende Nebenwirkungen. Eine kleinere Humaninterventionsstudie von Ivanova und Kollegen (2013) untersuchte einen anderen Aspekt: 19 gesunde Freiwillige tranken über einen Monat zweimal täglich Odermennig-Tee. Am Ende der Intervention war die Gesamtantioxidanskapazität im Plasma signifikant erhöht, der Entzündungsmarker Interleukin-6 signifikant gesenkt, und das HDL-Cholesterin verbesserte sich. Beide Studien sind klein und liefern erste, aber keine abschliessenden Belege – sie deuten jedoch in eine konsistente Richtung.

Was Tierstudien zur Leber- und Magenschleimhaut zeigen

Präklinische Arbeiten liefern mögliche Erklärungsansätze für diese Beobachtungen. Huzio und Kollegen (2022) untersuchten einen ethanolischen Odermennig-Extrakt an Ratten und beschrieben sowohl eine ausgeprägte entzündungshemmende Wirkung im Pfotenödem-Modell als auch eine leberschützende Wirkung mit reduzierten Transaminasenwerten und verminderter Lipidperoxidation – bei einem Extrakt, der als praktisch untoxisch eingestuft wurde. Eine 2025 veröffentlichte Studie an Ratten mit alkoholinduzierten Magenschleimhautschäden zeigte, dass eine Vorbehandlung mit Odermennig-Blattextrakt die Ulkusfläche dosisabhängig verkleinerte, die Schleimproduktion erhöhte und die körpereigenen Antioxidansenzyme Superoxiddismutase und Katalase in der Magenschleimhaut steigerte, während der oxidative Stressmarker Malondialdehyd sank. Beide Arbeiten sind Tierstudien und lassen sich nicht direkt auf den Menschen übertragen, liefern aber ein kohärentes Bild möglicher Wirkmechanismen: antioxidativ, entzündungsmodulierend und schleimhautschützend.

Was Laboruntersuchungen zu entzündungshemmenden und antioxidativen Eigenschaften beobachten

Auf zellulärer Ebene fügt sich dieses Bild weiter zusammen. Santos und Kollegen (2017) charakterisierten einen wässrigen Odermennig-Aufguss und seine polyphenolangereicherte Fraktion und beobachteten sowohl in vitro (an LPS-stimulierten Makrophagen) als auch im Tiermodell eine Hemmung entzündungsfördernder Botenstoffe wie Stickstoffmonoxid, zusätzlich eine schmerzlindernde Wirkung im Schreib- und Formalintest bei Mäusen. Die radikalfangende Kapazität der Extrakte gegenüber verschiedensten reaktiven Sauerstoff- und Stickstoffspezies wurde dabei mehrfach bestätigt und der polyphenolreichen Fraktion zugeschrieben. Diese Befunde stammen ausschliesslich aus Labor- und Tiermodellen; sie beschreiben Wirkmechanismen auf zellulärer Ebene, keine belegten Effekte am Menschen.

Studie Studientyp Beobachtung
Cho et al., 2018 RCT (Mensch, n=80) Signifikante Senkung von ALT, AST und Triglyceriden nach 8 Wochen
Ivanova et al., 2013 Humaninterventionsstudie (n=19) Erhöhte Antioxidanskapazität, gesenktes Interleukin-6, verbessertes HDL
Huzio et al., 2022 Tierstudie (präklinisch) Entzündungshemmung und Leberschutz bei niedriger Toxizität
Shareef et al., 2025 Tierstudie (präklinisch) Kleinere Ulkusfläche, mehr Schleimproduktion, höhere SOD/CAT-Aktivität
Santos et al., 2017 In vitro & Tierstudie Hemmung entzündungsfördernder Botenstoffe, schmerzlindernde Effekte
Sukackas et al., 2025 In vitro Optimierte Extraktion erhöht Agrimoniin- und Phenolgehalt sowie Antioxidanskapazität

Sicherheit und Anwendung von Odermennigkraut

Für die traditionelle Teezubereitung werden meist ein bis zwei Teelöffel getrocknetes Kraut mit rund 150 bis 250 ml kochendem Wasser übergossen und zehn Minuten ziehen gelassen, üblicherweise zwei- bis dreimal täglich. Odermennig gilt in den gebräuchlichen Zubereitungsformen als gut verträglich; vereinzelt werden leichte Magenbeschwerden berichtet. Wegen des hohen Gerbstoffgehalts kann die gleichzeitige Einnahme mit anderen Arzneimitteln deren Aufnahme im Magen-Darm-Trakt beeinträchtigen, weshalb ein zeitlicher Abstand von mindestens ein bis zwei Stunden sinnvoll ist. Zu Sicherheit und Dosierung bei Schwangerschaft, Stillzeit und im Kindesalter liegen keine ausreichenden Daten vor, weshalb die Anwendung in diesen Situationen nicht empfohlen wird. Bei anhaltendem Durchfall über mehr als zwei bis drei Tage, bei Blut im Stuhl, Fieber oder bei Kindern sollte grundsätzlich ärztlicher Rat eingeholt werden, da die traditionelle Anwendung ausschliesslich für leichte, kurzzeitige Beschwerden vorgesehen ist. Für die äusserliche Anwendung als Gurgellösung wird meist ein etwas konzentrierterer Aufguss verwendet, der abgekühlt mehrmals täglich zum Spülen des Mund- und Rachenraums genutzt werden kann.

Was die aktuelle Studienlage insgesamt einordnet

Ein ehrlicher Blick auf die Evidenz gehört zu einer soliden Einordnung dazu: Die HMPC selbst weist in ihrem Bewertungsbericht ausdrücklich auf das Fehlen kontrollierter klinischer Studien zum Zeitpunkt der Monographie-Erstellung hin – die traditionelle Anwendung stützt sich auf langjährige Erfahrung, nicht auf randomisierte Studien. Die seither erschienenen Arbeiten, allen voran die Studie von Cho und Kollegen zu Leberwerten, schliessen diese Lücke teilweise, bleiben aber in Umfang und Stichprobengrösse begrenzt. Wiederholungen mit grösseren Kollektiven, längeren Beobachtungszeiträumen und standardisierten Extrakten stehen noch aus. Wer diese Pflanze aus Interesse an der aktuellen Forschung verfolgt, sollte diese Unterscheidung zwischen traditionsbasierter Zulassung und klinisch bewiesener Wirkung im Blick behalten.

Was bleibt: Tradition und Forschung nähern sich beim Odermennig an

Der Kleine Odermennig zeigt exemplarisch, wie sich jahrhundertealte Kräutertradition und moderne Analytik zunehmend treffen. Die traditionelle Anwendung bei Durchfall und im Mund-Rachen-Bereich ist über die HMPC-Monographie klar umrissen und regulatorisch verankert. Parallel dazu untersucht die aktuelle Forschung – von Extraktionschemie über Tiermodelle bis zu ersten kleinen Humanstudien – systematisch, welche Mechanismen hinter dieser langen Anwendungsgeschichte stehen könnten. Besonders die Beobachtungen zu Leberwerten und Magenschleimhaut sind konsistent genug, um weitere, grösser angelegte Studien zu rechtfertigen. Bis dahin bleibt der Odermennig, was er lange war: eine unauffällige Wiesenpflanze mit auffallend vielseitiger Geschichte.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information über pflanzenkundliche Zusammenhänge und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke.

Quellen

  1. Cho YM, Kwon JE, Lee M, et al. Agrimonia eupatoria L. (Agrimony) Extract Alters Liver Health in Subjects with Elevated Alanine Transaminase Levels: A Controlled, Randomized, and Double-Blind Trial. J Med Food. 2018. PMID: 29486131
  2. Ivanova D, Vankova D, Nashar M. Agrimonia eupatoria tea consumption in relation to markers of inflammation, oxidative status and lipid metabolism in healthy subjects. Arch Physiol Biochem. 2013;119:32–37. PMID: 23078582
  3. Huzio N, Grytsyk A, Raal A, Grytsyk L, Koshovyi O. Phytochemical and Pharmacological Research in Agrimonia eupatoria L. Herb Extract with Anti-Inflammatory and Hepatoprotective Properties. Plants. 2022;11(18):2371. PMID: 36145771
  4. Shareef SH, Asaad NK, Gheni NA, et al. Agrimonia eupatoria Leaf Extract Attenuates Alcohol-Induced Oxidative Stress, Ulcer and Alleviates Stomach Damage in Rats. Food Sci Nutr. 2025;13(11):e71203. PMID: 41268097
  5. Santos TN, Costa G, Ferreira JP, et al. Antioxidant, Anti-Inflammatory, and Analgesic Activities of Agrimonia eupatoria L. Infusion. Evid Based Complement Alternat Med. 2017. PMID: 28491113
  6. Sukackas J, Žilius M, Šaltytė G, Raudonė L. Optimisation of Phenolic Compound Extraction from Agrimonia eupatoria L. Using Response Surface Methodology for Enhanced Yield of Different Phenolics and Maximised Antioxidant Activity. Antioxidants. 2025;14(7):831. PMC12291865
  7. EMA/HMPC. Agrimoniae herba – herbal medicinal product (Community herbal monograph, traditional use). ema.europa.eu
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