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Natura Nova – traditionelle europäisch bewährte Rezepturen
Natura Nova – traditionell europäisch bewährte Rezepturen

Natura Nova

Entdecke Natura Nova: sorgfältig zusammengestellte Rezepturen auf Basis traditionell bewährter europäischer Kräuter.

Statt kurzfristigen Trends setzen wir auf klare, nachvollziehbare Inhaltsstoffe und eine bodenständige, europäische Pflanzenkunde.

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Nahaufnahme der gefiederten, glänzend grünen Blätter der Liebstöckelpflanze (Levisticum officinale) im Sonnenlicht

Liebstöckel: Was hinter dem unscheinbaren Maggikraut wirklich steckt

Karl der Grosse liess sie im 9. Jahrhundert per kaiserlichem Erlass in jedem Garten seines Reichs anbauen. Heute kennt man sie vor allem als "Maggikraut" – und die moderne Forschung entdeckt in ihren Wurzeln gerade eine erstaunlich komplexe Chemie.

Wie eine unscheinbare Doldenblütler-Pflanze zu einem festen Bestandteil europäischer Kräutergärten wurde

Liebstöckel (Levisticum officinale) gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae) und ist damit botanisch mit Sellerie, Petersilie, Fenchel und Karotte verwandt – eine Verwandtschaft, die sich auch im Aroma bemerkbar macht. Die mehrjährige, bis zu zwei Meter hoch wachsende Staude stammt ursprünglich aus den Bergregionen Vorderasiens und dem östlichen Mittelmeerraum, wurde aber schon in der Antike nach Mitteleuropa gebracht. Ihre Bedeutung für die frühmittelalterliche Landwirtschaft ist gut dokumentiert: Das Capitulare de villis, eine Güterverordnung Karls des Grossen aus dem 9. Jahrhundert, listet Liebstöckel ausdrücklich unter den Pflanzen, die in jedem kaiserlichen Garten kultiviert werden sollten.

Der deutsche Name hat mit "Liebe" ursprünglich nichts zu tun – er ist eine volksetymologische Umformung des lateinischen Gattungsnamens, der wiederum über Umwege auf "ligusticus" (ligurisch) zurückgeht, da man die Pflanze lange Zeit in Ligurien verortete. Der Beiname "Maggikraut" ist deutlich jünger und verweist auf die verblüffende geschmackliche Nähe zur bekannten Würzsauce, auch wenn diese chemisch auf anderen Aromastoffen beruht. In der Kosmetik-Abhandlung der Trotula de Ruggiero aus dem 11. Jahrhundert, einem der ältesten europäischen Frauenheilkunde-Texte, wird Liebstöckel bereits zur Hautpflege erwähnt – ein Hinweis darauf, wie lange die Pflanze bereits über die Küche hinaus genutzt wird.

Als Gartenpflanze ist Liebstöckel bis heute in mitteleuropäischen Bauern- und Klostergärten verbreitet: Die Staude ist frosthart, mehrjährig und stellt kaum Ansprüche an den Standort, solange der Boden nährstoffreich und durchlässig bleibt. Geerntet werden je nach Verwendungszweck unterschiedliche Pflanzenteile – die jungen Blätter und Stängel finden vor allem als Würzkraut in Suppen und Eintöpfen Verwendung, während für die traditionelle Anwendung ausschliesslich die im Herbst gegrabene, getrocknete Wurzel (Levistici radix) infrage kommt. Diese Trennung zwischen kulinarischer und traditionell-arzneilicher Nutzung ist wichtig, da sich die Konzentration der wirksamkeitsrelevanten Inhaltsstoffe zwischen Blatt und Wurzel deutlich unterscheidet.

Welche Inhaltsstoffe stecken in der Liebstöckelwurzel?

Pharmazeutisch relevant ist vor allem die Wurzel (Levistici radix), deren Qualität im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur.) festgelegt ist. Die Zusammensetzung ist komplex und war in den letzten Jahren Gegenstand mehrerer analytischer Arbeiten, die einzelne Stoffgruppen erstmals detailliert kartiert haben.

Stoffgruppe Beispiele Bemerkung
Ätherisches Öl Ligustilid, Butylphthalid und weitere Phthalide Trägt massgeblich zum charakteristischen Geruch bei
Cumarine Furanocumarine (u. a. Psoralen-Derivate) Relevant für Photosensibilität, siehe Sicherheitsabschnitt
Phenolsäuren & Flavonoide Vanillinsäure, verschiedene Flavone Blätter enthalten höhere Gehalte als die Wurzel
Organische Säuren Äpfelsäure, Angelicasäure Traditionell mit der verdauungsfördernden Wirkung assoziiert

Eine 2022 publizierte LC-MS-Analyse hat das Cumarin-Spektrum der Liebstöckelwurzel systematisch aufgeschlüsselt und zugleich untersucht, wie stabil einzelne Verbindungen bei der Lagerung nach der Ernte bleiben – eine methodisch fundierte, aber rein analytische Arbeit ohne Aussage zu physiologischen Effekten am Menschen. Eine spanisch-portugiesische Arbeitsgruppe verglich 2025 zudem hydroalkoholische Extrakte aus Blättern, Wurzeln und der ganzen Pflanze: Die Blattextrakte zeigten dabei den höchsten Gehalt an Phenolverbindungen und die stärkste Antioxidans-Aktivität in Laborassays (DPPH, ABTS) – eine In-vitro-Untersuchung mit Blick auf mögliche dermato-kosmetische Anwendungen, nicht auf innerliche Einnahme.

Wofür wird Liebstöckelwurzel traditionell eingesetzt?

Die Kommission E und das europäische Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) haben Liebstöckelwurzel auf Basis langjähriger Erfahrung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft – eine Kategorie, die ausdrücklich keine Wirksamkeitsnachweise aus klinischen Studien voraussetzt, sondern auf dokumentierter, mindestens 30-jähriger Anwendungstradition beruht (davon mindestens 15 Jahre innerhalb der EU). Die anerkannte traditionelle Anwendung lautet: zur Erhöhung der Harnmenge und damit zur Durchspülung der ableitenden Harnwege bei leichten Harnwegsbeschwerden sowie unterstützend zur Vorbeugung von Nierengriess. Auch als Bestandteil von Teemischungen zur Durchspülungstherapie (Species diureticae) ist die Wurzel gelistet.

Die HMPC-Monographie hält dazu ausdrücklich fest: Klinische Studien am Menschen, die diese Anwendung belegen würden, liegen nicht vor. Das HMPC überprüfte die Datenlage 2021 in einem Addendum erneut und kam zu dem Schluss, dass keine neuen Erkenntnisse eine Revision der Monographie erfordern – die Einstufung als "traditional use" ohne klinische Evidenzgrundlage bleibt also aktuell. Volksmedizinisch wurde Liebstöckel darüber hinaus als Karminativum (gegen Blähungen), als krampflösendes Mittel und im Mittelalter auch als Emmenagogum überliefert – Anwendungen, die auf Erfahrungswissen beruhen und in modernen Übersichtsarbeiten zur botanischen Diuretika-Forschung als traditionell, aber klinisch nicht belegt eingeordnet werden.

Was Forschende in den letzten Jahren in der Liebstöckelwurzel entdeckt haben

Klinische Studien am Menschen sucht man bei Liebstöckel bislang vergeblich – dafür hat sich im Labor einiges getan. Chemikerinnen und Chemiker graben seit einigen Jahren tiefer in der Wurzel, und was dabei zum Vorschein kommt, liest sich streckenweise wie eine kleine Entdeckungsgeschichte.

2020 isolierte ein iranisches Forschungsteam aus der Liebstöckelwurzel eine Substanz, die zuvor in keiner wissenschaftlichen Datenbank verzeichnet war: 7-Methoxy-3-propylidenphthalid, gemeinsam mit zwei bereits bekannten Verwandten. Im Laborversuch gegen vier Bakterienstämme zeigte eine der drei Verbindungen etwas, das in der Antibiotikaforschung besonders begehrt ist – Wirkung gegen einen Vancomycin-resistenten Enterococcus-faecium-Stamm, dazu gegen Staphylococcus aureus und E. coli. Es ist eine Laboruntersuchung an isolierten Reinsubstanzen, keine Aussage zur Wirkung von Liebstöckel als Extrakt oder Tee. Aber sie zeigt: In der unscheinbaren Küchenwurzel steckt eine Chemie, die für die Wirkstoffforschung durchaus interessant sein könnte.

Noch einen Schritt weiter ging 2024 ein weiteres iranisches Team: Es liess einen Blattextrakt auf zwei menschliche Darmkrebs-Zelllinien (HT-29 und Caco-2) los und beobachtete, wie die Zellen darauf reagierten – mit entzündungshemmenden Effekten und mit Apoptose, dem programmierten Zelltod, der bei Krebszellen ein zentraler Forschungsansatzpunkt ist. Es handelt sich um ein frühes Zellkultur-Experiment, das für sich genommen noch nichts über eine Wirkung im menschlichen Körper aussagt. Genau das ist aber die Frage, die sich daraus ergibt und die weiterführende Forschung als Nächstes klären müsste: Lässt sich dieses Verhalten der Zellen auch in Tiermodellen und irgendwann in kontrollierten Studien am Menschen bestätigen?

Ergänzt wird dieses Bild durch analytische Arbeiten, die das Innenleben der Pflanze immer genauer kartieren: die vollständige Cumarin-Signatur der Wurzel (2022) und ein detaillierter Vergleich von Blatt-, Wurzel- und Ganzpflanzenextrakten mit bemerkenswert hoher Antioxidans-Aktivität in den Blättern (2025). In der Summe entsteht das Bild einer Pflanze, deren traditioneller Ruf inzwischen von einer wachsenden, aber noch jungen Forschungslinie begleitet wird – mit offenem Ausgang, wohin sie führt.

Worauf sollte man bei der Anwendung von Liebstöckel achten?

Liebstöckel gilt in den üblichen, küchenüblichen bis teedrogenüblichen Mengen als gut verträglich, schwerwiegende Nebenwirkungen sind nicht dokumentiert. Einige Punkte sind dennoch relevant:

  • Nierenerkrankungen: Bei akuten entzündlichen Erkrankungen des Nierenparenchyms sowie bei kardialen oder nephrogenen Ödemen wird von einer Anwendung ausdrücklich abgeraten – die durchspülende Wirkung kann hier kontraproduktiv oder belastend sein.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Für diese Phasen sowie für Jugendliche unter 18 Jahren liegen laut HMPC-Monographie keine ausreichenden Erfahrungsdaten vor, sodass von einer Anwendung abgeraten wird.
  • Photosensibilität: Die enthaltenen Furanocumarine können bei intensiver Sonnen- oder UV-Exposition phototoxische Hautreaktionen begünstigen (Rötung, Reizung). Diese Bedenken beruhen auf der Stoffklasse als solcher; kontrollierte klinische Studien, die dieses Risiko bei üblicher Anwendung der Droge quantifizieren, liegen nach aktueller Literaturlage nicht vor.
  • Wechselwirkungen: Die HMPC-Monographie führt keine bekannten Arzneimittelwechselwirkungen auf. Einzelne Sekundärquellen weisen dennoch auf ein theoretisches Zusammenspiel mit oralen Antikoagulanzien hin, das sich aus der Stoffklasse der Cumarine ableitet, aber nicht durch klinische Daten belegt ist.

Wer Liebstöckel als Tee zubereiten möchte, verwendet dafür üblicherweise etwa 2 bis 3 g geschnittene Wurzel auf 150 ml siedendes Wasser mit 10 bis 15 Minuten Ziehzeit, mehrmals täglich. Bei bestehenden Nierenerkrankungen, während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Einnahme von Medikamenten sollte vor der Anwendung ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.

Liebstöckel im Überblick: eine alte Pflanze mit einem jungen, spannenden Forschungskapitel

Liebstöckel ist botanisch und kulturhistorisch eine der besser dokumentierten Pflanzen europäischer Gärten – von der karolingischen Güterverordnung bis zur mittelalterlichen Frauenheilkunde reicht die Überlieferung. Die regulatorisch anerkannte traditionelle Anwendung als mildes Durchspülungsmittel bei leichten Harnwegsbeschwerden stützt sich auf diese lange Erfahrung, ausdrücklich nicht auf klinische Wirksamkeitsstudien am Menschen. Genau hier setzt die neuere Forschung an: Phthalide mit messbarer antibakterieller Wirkung im Labor, ein wachsendes Bild der Cumarin- und Phenolchemie der Wurzel und erste Zellkultur-Experimente mit entzündungshemmenden Effekten zeichnen eine Pflanze, die chemisch offenbar mehr zu bieten hat, als das jahrhundertealte Küchenwissen allein vermuten liess. Ob und wie sich diese Laborbefunde dereinst in kontrollierten Studien am Menschen bestätigen, ist eine der spannenderen offenen Fragen der aktuellen Phytoforschung. Bis dahin bleibt Liebstöckel, was es seit dem Kaisergarten Karls des Grossen war: eine traditionsreiche Pflanze, deren volle wissenschaftliche Geschichte erst noch geschrieben wird.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische oder pharmazeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden, bestehenden Erkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie vor der Anwendung bei Kindern und Jugendlichen sollte ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.

Quellen

  • European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC): Community herbal monograph on Levisticum officinale Koch, radix, EMA/HMPC/524621/2011 (2012), Addendum 2021.
  • Miran M, Monsef Esfahani H, Jung JH, et al. Characterization and Antibacterial Activity of Phthalides from the Roots of the Medicinal Herb Levisticum officinale W.D.J. Koch. Iran J Pharm Res. 2020;19(2):182–186. PMID: 33224223
  • Olennikov DN. Coumarins of Lovage Roots (Levisticum officinale W.D.J. Koch): LC-MS Profile, Quantification, and Stability during Postharvest Storage. Metabolites. 2022;13(1):3. PMID: 36676932
  • Sahlabgi A, Lupuliasa D, Stoicescu I, et al. Determination of the Phytochemical Profile and Antioxidant Activity of Some Alcoholic Extracts of Levisticum officinale with Pharmaceutical and Cosmetic Applications. Separations. 2025;12(4):79. DOI: 10.3390/separations12040079
  • Lotfian Sargazi M, Miri Karam Z, Shahraki A, et al. Anti-inflammatory and Apoptotic Effects of Levisticum Officinale Koch Extracts on HT29 and Caco-2 Human Colorectal Carcinoma Cell Lines. Galen Med J. 2024;13:1–12. PMID: 39224551
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