Wenn an lauen Sommerabenden gelbe Blüten sich innerhalb weniger Minuten wie von selbst öffnen und einen schweren, süssen Duft verströmen, steht meist eine unscheinbare Pflanze am Wegesrand, die ursprünglich aus einem ganz anderen Kontinent stammt, als viele vermuten würden.
Wie die Nachtkerze aus Nordamerika ihren Weg nach Europa fand
Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) gehört zur Familie der Nachtkerzengewächse (Onagraceae) und stammt ursprünglich aus Nordamerika. Um das Jahr 1620 gelangte sie auf dem Seeweg nach Europa, zunächst als Zierpflanze für botanische Gärten und herrschaftliche Anlagen. Weil sie sich rasch aussamt und mit trockenen, sandigen und kargen Böden zurechtkommt, verwilderte sie schon im 17. und 18. Jahrhundert in weiten Teilen Mitteleuropas. Heute gilt sie botanisch als Neophyt, also als eine ursprünglich fremde Art, die sich durch menschlichen Einfluss dauerhaft angesiedelt hat. Weil die Pflanze inzwischen so verbreitet ist, wird sie von vielen Menschen fälschlicherweise für eine einheimische Art gehalten.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Nachtkerze zusätzlich als Gemüse- und Nutzpflanze angebaut: Ihre fleischige Pfahlwurzel galt als nahrhaft und wurde in bäuerlichen Gärten Mitteleuropas geschätzt. Diese Doppelnutzung – als Zier- und als Nutzpflanze – erklärt, warum sich Oenothera biennis so schnell über den Kontinent verbreiten konnte.
Was amerikanische Ureinwohner und europäische Gärtner mit der Pflanze anfingen
In Nordamerika reicht die Nutzung der Nachtkerze deutlich weiter zurück als ihre europäische Geschichte. Verschiedene indigene Gemeinschaften verarbeiteten die ölhaltigen Samen zu einem Brei, der äusserlich auf Haut und kleinere Hautreizungen aufgetragen wurde. Aus den blühenden Sprossspitzen wurde zudem ein Aufguss zubereitet, der traditionell bei Verdauungsbeschwerden getrunken wurde. Diese Überlieferungen sind als traditionelle, volksheilkundliche Anwendungen dokumentiert – ein historischer Kontext, kein Beleg für eine moderne Wirksamkeit.
In Europa etablierte sich die Nachtkerze parallel als traditionsreiche Pflanze der Bauerngärten. Alte Redensarten rühmten die Kraft der Wurzel, botanische Nachschlagewerke führen sie bis heute als Beispiel für eine Pflanze, deren Nutzung sich im Lauf der Jahrhunderte von der Küche in den Zier- und später in den Rohstoffgarten verlagert hat, aus dem heute das bekannte Nachtkerzensamenöl gewonnen wird.
Warum sich die Blüten der Nachtkerze in wenigen Minuten öffnen
Botanisch ist die Nachtkerze eine zweijährige, krautige Pflanze. Im ersten Jahr bildet sie lediglich eine bodennahe Blattrosette mit kräftiger Pfahlwurzel, im zweiten Jahr treibt sie einen bis zu zwei Meter hohen, traubigen Blütenstand. Die Gattung umfasst weltweit über 650 Arten, wobei mehrere eng verwandte Kleinarten unter dem Sammelbegriff Oenothera biennis agg. zusammengefasst werden, da sie sich durch einen speziellen genetischen Mechanismus (Komplexheterozygotie) kaum unterscheiden lassen.
Namensgebend ist ein Phänomen, das es bei kaum einer anderen Pflanze Mitteleuropas in dieser Form gibt: In der Dämmerung öffnen sich die gelben Blüten binnen weniger Minuten in einer fliessenden Bewegung, um nachtaktive Falter mit ihrem intensiven Duft anzulocken. Der wissenschaftliche Gattungsname Oenothera leitet sich vom griechischen Wort für Wein ab – eine Anspielung auf den einst vermuteten weinartigen Geruch der Wurzel.
| Botanischer Name | Oenothera biennis L. |
| Familie | Nachtkerzengewächse (Onagraceae) |
| Herkunft | Nordamerika |
| Einführung nach Europa | um 1620 |
| Lebenszyklus | zweijährig |
| Wuchshöhe | bis zu 2 Meter |
| Verwendeter Pflanzenteil | Samenöl (fettes Öl) |
| Charakteristischer Inhaltsstoff | Gamma-Linolensäure (mehrfach ungesättigte Fettsäure) |
Zur Ölgewinnung wird heute überwiegend Oenothera biennis angebaut, teils ergänzt durch die eng verwandte Oenothera lamarckiana. Handelsübliches Nachtkerzensamenöl stammt entweder aus einer schonenden Warmpressung mit anschliessender Raffination oder aus einer Kaltextraktion mit Lösungsmitteln, bei der das Lösungsmittel im Anschluss destillativ wieder entfernt wird. Angebaut wird die Pflanze dafür sowohl in Europa als auch in Nordamerika, wobei Öllieferungen aus verschiedenen Ländern beider Kontinente stammen können.
Was die Forschung zur Gamma-Linolensäure aus den Samen zeigt
Die Samen der Nachtkerze enthalten ein fettes Öl mit einem für Pflanzensamen ungewöhnlich hohen Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, darunter Linolsäure und die seltenere Gamma-Linolensäure (GLA). Diese Zusammensetzung erklärt das wissenschaftliche Interesse: GLA wird im Stoffwechsel in Vorstufen entzündungsregulierender Botenstoffe umgewandelt, weshalb Nachtkerzenöl seit den 1980er-Jahren in klinischen Studien zu verschiedenen Beschwerdebildern untersucht wurde.
Eine 2024 im Fachjournal BMC Complementary Medicine and Therapies erschienene systematische Übersichtsarbeit randomisiert-kontrollierter Studien (RCTs) fasst diese heterogene Studienlage zusammen: Bei rheumatoider Arthritis fielen die Ergebnisse gemischt aus, bei Diabetes mellitus, atopischem Ekzem, menopausalen Hitzewallungen und Mastalgie (Brustspannen) wurden vereinzelt positive Signale beobachtet, während für chronische Handdermatitis, Psoriasis, prämenstruelles Syndrom und mehrere weitere Indikationen keine Wirksamkeit gezeigt werden konnte. Die Autoren betonen selbst, dass die Studienqualität uneinheitlich ist und robuste Empfehlungen derzeit nicht möglich sind.
Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit einer älteren Cochrane-Übersichtsarbeit (randomisiert-kontrollierte Studien, 2013) speziell zum atopischen Ekzem: Sie fand über alle eingeschlossenen Studien hinweg keinen signifikanten Vorteil von oral eingenommenem Nachtkerzenöl gegenüber Placebo. Diese Diskrepanz zwischen einzelnen positiven Studien und dem Fehlen eines Effekts in der systematischen Zusammenschau ist ein anerkanntes Beispiel dafür, wie unterschiedlich sich Evidenz je nach Auswertungsmethode darstellen kann – ein Punkt, den seriöse Quellen offen benennen, statt ihn zu glätten. Auch zu prämenstruellen Beschwerden kam eine frühere systematische Übersicht kontrollierter Studien zu dem Schluss, dass sich kein über den Placebo-Effekt hinausgehender Nutzen belegen liess.
Wie unterschiedlich sich die Datenlage je nach Beschwerdebild darstellt, zeigt exemplarisch eine 2021 im International Journal of Environmental Research and Public Health publizierte Metaanalyse zu Mastalgie (Brustschmerzen): Sie wertete 13 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 1752 Teilnehmerinnen aus und kam zu dem Ergebnis, dass Nachtkerzenöl weder gegenüber Placebo noch gegenüber Vergleichspräparaten wie topischen entzündungshemmenden Mitteln oder Vitamin E einen messbaren Unterschied in der Schmerzlinderung bewirkte. Dieses Ergebnis steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zur oben zitierten Übersichtsarbeit von 2024, die für dieselbe Indikation vereinzelt positive Signale nennt – ein Beispiel dafür, wie stark Schlussfolgerungen von der Auswahl und Gewichtung der eingeschlossenen Studien abhängen können.
Wie die europäische Arzneimittelbehörde die Nachtkerze einordnet
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat über ihren Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) ein EU-Kräutermonografie zu Nachtkerzensamenöl veröffentlicht. Bemerkenswert ist die Einstufung: Es handelt sich ausschliesslich um eine Anerkennung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel, basierend auf langjähriger Anwendungserfahrung – nicht um eine „well-established use"-Zulassung, die klinische Wirksamkeitsnachweise voraussetzen würde. Die anerkannte traditionelle Indikation beschränkt sich zudem eng auf die symptomatische Linderung von Juckreiz bei akuten und chronischen trockenen Hautzuständen bei innerlicher Anwendung. Für alle weiteren in der Forschung untersuchten Anwendungsbereiche liegt keine behördliche Anerkennung vor.
Worauf bei Anwendung, Schwangerschaft und möglichen Wechselwirkungen zu achten ist
Die EU-Kräutermonografie nennt für die traditionelle innerliche Anwendung folgende Punkte:
| Kinder unter 12 Jahren | Anwendung nicht empfohlen, da unzureichende Daten vorliegen |
| Schwangerschaft und Stillzeit | Sicherheit nicht belegt, Anwendung wird nicht empfohlen |
| Mögliche Nebenwirkungen | Verdauungsbeschwerden, Übelkeit, weicherer Stuhlgang, gelegentlich Hautausschlag oder Kopfschmerzen; Häufigkeit nicht bekannt |
| Bei Überdosierung | Leichter Durchfall und Bauchschmerzen möglich |
| Wechselwirkungen | In der Monografie nicht formal gelistet; unabhängige Fachliteratur weist auf ein mögliches erhöhtes Blutungsrisiko bei gleichzeitiger Einnahme gerinnungshemmender Medikamente hin |
Wer Nachtkerzensamenöl als Nahrungsergänzung in Erwägung zieht, sollte insbesondere bei bestehender Medikation, in der Schwangerschaft oder Stillzeit sowie bei Kindern vorab ärztlichen oder fachlichen Rat einholen. Bei anhaltenden Beschwerden über mehr als acht Wochen sieht die Monografie ebenfalls eine Rücksprache mit einer Fachperson vor.
Fazit: eine botanisch faszinierende Pflanze mit begrenzt gesicherter Evidenz
Die Nachtkerze ist botanisch und kulturhistorisch eine der bemerkenswertesten Neophyten Europas: eingeführt aus Nordamerika, verwildert zum vertrauten Wegesrandbewohner, bekannt für ihr rasches abendliches Aufblühen und traditionell sowohl in indigenen nordamerikanischen als auch in europäischen Gemeinschaften genutzt. Die Forschung zu ihrem charakteristischen Inhaltsstoff, der Gamma-Linolensäure, ist umfangreich, aber uneinheitlich: Während einzelne Studien positive Signale zeigen, kommen systematische Übersichtsarbeiten je nach untersuchtem Beschwerdebild zu unterschiedlichen, teils ernüchternden Schlüssen. Die europäische Arzneimittelbehörde erkennt entsprechend auch nur eine eng gefasste traditionelle Anwendung an. Diese Gemengelage aus botanischer Faszination und uneinheitlicher klinischer Evidenz macht die Nachtkerze zu einem guten Beispiel dafür, wie unterschiedlich Tradition und moderne Forschung ausfallen können.
Dieser Beitrag dient ausschliesslich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische, ernährungswissenschaftliche oder pharmazeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen, bestehender Medikation, Schwangerschaft, Stillzeit oder bei Kindern wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt, eine Apotheke oder eine andere qualifizierte Fachperson.
Quellen
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC): European Union herbal monograph on Oenothera biennis L. or Oenothera lamarckiana L., oleum, EMA/HMPC/753041/2017, 5. Juni 2018.
- Sharifi M, Nourani N, Sanaie S, Hamedeyazdan S. The effect of Oenothera biennis (Evening primrose) oil on inflammatory diseases: a systematic review of clinical trials. BMC Complement Med Ther. 2024;24(1):89. PMID: 38360611. (Systematische Übersichtsarbeit randomisiert-kontrollierter Studien)
- Bamford JTM, Ray S, Musekiwa A, van Gool C, Humphreys R, Ernst E. Oral evening primrose oil and borage oil for eczema. Cochrane Database Syst Rev. 2013;(4):CD004416. PMID: 23633319. (Cochrane-Metaanalyse randomisiert-kontrollierter Studien)
- Ahmad Adni LL, Norhayati MN, Mohd Rosli RR, Muhammad J. A Systematic Review and Meta-Analysis of the Efficacy of Evening Primrose Oil for Mastalgia Treatment. Int J Environ Res Public Health. 2021;18(12):6295. doi:10.3390/ijerph18126295. (Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse randomisiert-kontrollierter Studien)
- Stevinson C, Ernst E. Complementary/alternative therapies for premenstrual syndrome: a systematic review of randomized controlled trials. Am J Obstet Gynecol. 2001;185(1):227–235. doi:10.1067/mob.2001.113643. (Systematische Übersichtsarbeit randomisiert-kontrollierter Studien)
- Gemeine Nachtkerze. In: Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Abgerufen 2026.
- Nachtkerze – Gemeine oder Gewöhnliche Nachtkerze (Oenothera biennis L.). Arzneipflanzen-Lexikon.