Probiotika und Präbiotika sind längst im Alltagswortschatz angekommen. Die Mikrobiom-Forschung ist inzwischen aber einen Schritt weiter: Postbiotika. Diese bioaktiven Stoffwechselprodukte unserer Darmbakterien entfalten ihre Wirkung ganz ohne lebende Keime – und gelten deshalb als besonders stabil und gut steuerbar. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Postbiotika das Immunsystem beeinflussen, an der Abwehr von Infektionen beteiligt sein könnten und sogar im Zusammenhang mit Stoffwechselgesundheit untersucht werden. Ein Blick auf ein noch junges, aber schnell wachsendes Forschungsfeld.
Was Postbiotika überhaupt sind
Postbiotika werden in der Fachliteratur als bioaktive Verbindungen beschrieben, die während der Fermentation in einer Matrix entstehen und der Gesundheit zuträglich sein können. Der Begriff umfasst eine Vielzahl von Substanzen: kurzkettige Fettsäuren (SCFAs), Enzyme, Peptide, Teichonsäuren, Peptidoglykan-Bestandteile, Polysaccharide, Zellwandproteine und organische Säuren. Im Gegensatz zu Probiotika enthalten Postbiotika keine lebenden Mikroorganismen, sondern lediglich deren Stoffwechselprodukte oder Zellbestandteile – was das theoretische Risiko unerwünschter Immunreaktionen oder einer Keimtranslokation reduziert. Eine grundlegende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 im Fachjournal Nutrients bringt es auf den Punkt: Da Postbiotika keine lebenden Mikroorganismen enthalten, seien die damit verbundenen Risiken minimiert – ein Aspekt, der sie potenziell auch für Menschen mit geschwächtem Immunsystem interessant macht, wobei die individuelle Eignung immer ärztlich abzuklären ist.
Über welche Kanäle Postbiotika wirken könnten
Eine Übersichtsarbeit aus dem Oktober 2025 im Fachjournal Infection, Genetics and Evolution beschreibt detailliert immunmodulatorische, entzündungshemmende und antimikrobielle Eigenschaften von Postbiotika und den daraus gewonnenen extrazellulären Vesikeln. Postbiotika können demnach in die Immunregulation eingreifen: Sie sind mit einer Stärkung der epithelialen Barrierefunktion, einer Beeinflussung der Balance zwischen Th1- und Th2-Immunantworten und einer Förderung regulatorischer T-Zellen assoziiert. Kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, Propionat und Acetat – die am besten untersuchten Vertreter der Postbiotika – versorgen zudem die Darmschleimhautzellen mit Energie und werden mit entzündungshemmenden Effekten über bestimmte Signalwege in Immunzellen in Verbindung gebracht.
Was man zur sogenannten Darm-Lungen-Achse weiss
Ein besonders aktives Forschungsfeld ist die «Darm-Lungen-Achse»: die Beobachtung, dass sich Vorgänge im Darmmikrobiom auch auf die Immunabwehr der Atemwege auswirken können. Die oben genannte Übersichtsarbeit fasst präklinische Befunde zu Erkrankungen wie Lungenentzündung, Influenza, COVID-19, Asthma und allergischer Rhinitis zusammen: In Tier- und Zellmodellen stärkten Postbiotika die epitheliale Barriere, beeinflussten die Immunantwort, hemmten pathogene Biofilme und verstärkten teils die Wirksamkeit konventioneller Therapien. Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich überwiegend um präklinische Befunde; kontrollierte klinische Studien am Menschen zu dieser Indikation stehen für die meisten der genannten Erkrankungen noch aus.
Was eine aktuelle Studie zu Postbiotika während einer Antibiotikatherapie zeigt
Eine im Januar 2026 im Fachjournal Infection and Immunity publizierte, randomisierte, placebokontrollierte Pilotstudie untersuchte 32 Patientinnen und Patienten, die orale Antibiotika sowie ein orales Probiotikum gegen nicht-gastrointestinale Infektionen erhielten. Die eine Hälfte bekam zusätzlich ein fermentationsbasiertes Postbiotikum, die andere ein Placebo.
Am Ende der Antibiotikatherapie wiesen die Postbiotikum-Gruppe (n = 16) eine um 40 % höhere bakterielle Alpha-Diversität im Stuhl auf als die Placebogruppe (n = 16), gemessen am inversen Simpson-Index. Die Auswertung von 157 longitudinal entnommenen Stuhlproben zeigte, dass dieser Anstieg vor allem durch eine Anreicherung gesundheitsassoziierter Bakteriengruppen getragen wurde – insbesondere obligat anaerobe Firmicutes aus der Familie der Lachnospiraceae –, während potenziell pathogene Escherichia/Shigella-Spezies bei den mit Postbiotikum behandelten Personen reduziert blieben, auch noch zehn Tage nach Therapieende. Die Behandlung wurde gut vertragen. Als Pilotstudie mit kleiner Stichprobe braucht dieser Befund Bestätigung durch grössere Studien, bevor daraus allgemeine Empfehlungen abgeleitet werden können.
Was eine Studie zu Postbiotika und Stoffwechselgesundheit zeigt
Eine im Januar 2026 im Fachjournal Nutrition veröffentlichte randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Pilotstudie untersuchte das Postbiotikum pA1c®HI bei 17 Personen mit Adipositas, mit und ohne Prädiabetes, über 12 Wochen (1 × 10¹⁰ Zellen täglich versus Placebo). In der Postbiotikum-Gruppe sank der HbA1c-Wert im Vergleich zu Placebo signifikant um −0,22 Prozentpunkte, und der diastolische Blutdruck sank um durchschnittlich −8,8 mmHg. Unterschiede bei Körpergewicht, BMI und Körperfett gegenüber Placebo erreichten dagegen keine statistische Signifikanz, auch wenn sich Trends in die entsprechende Richtung zeigten. In einer Post-hoc-Analyse der Teilnehmenden mit Prädiabetes deutete sich zudem eine Verbesserung von Blutzucker, HbA1c und Insulinresistenz (HOMA-IR) an.
Zur redlichen Einordnung gehört ein Hinweis auf die Studienfinanzierung: Ein Teil der Autorenschaft ist beim Hersteller des untersuchten Postbiotikums beschäftigt beziehungsweise hält ein Patent darauf – ein Interessenkonflikt, den die Autorinnen und Autoren selbst offenlegen und der bei der Bewertung solcher Herstellerstudien immer mitgedacht werden sollte. Zudem handelt es sich um eine kleine Pilotstudie (n = 17), deren Ergebnisse durch grössere, unabhängige Studien bestätigt werden müssten.
Eine laufende Studie zu Postbiotika und Stimmung
In Südkorea läuft aktuell eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie zur Wirkung eines Postbiotikums auf die Stimmung bei Erwachsenen. 52 Teilnehmende im Alter von 19 bis 39 Jahren mit erhöhten Werten auf einer Depressions-Screening-Skala erhalten über acht Wochen entweder ein Postbiotikum oder ein Placebo; erfasst werden unter anderem depressive Symptome, momentane Stimmung, psychischer Stress sowie die Zusammensetzung des Darmmikrobioms. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, Ergebnisse werden für Ende 2026 erwartet – ein interessanter Ansatz, zu dem aktuell aber noch keine Aussage über die Wirksamkeit möglich ist.
Ein Blick in die Grundlagenforschung: Immunmodulation im Tiermodell
Eine im November 2025 im Fachjournal BMC Veterinary Research publizierte tierexperimentelle Studie untersuchte die immunmodulierenden Eigenschaften dreier hitzeinaktivierter Lactobacillus-Stämme im Zebrafisch-Modell. Mit Postbiotika gefütterte Fische zeigten eine veränderte Expression von Immungenen (Il1β und Ifn-γ) und nach einer Infektion mit dem viralen hämorrhagischen Septikämievirus höhere Überlebensraten, insbesondere unter den Stämmen Lactiplantibacillus plantarum HA-119 und Lactobacillus helveticus HA-122. Histologische Untersuchungen zeigten keine Veränderungen der Darmschleimhaut. Solche Tiermodell-Befunde liefern wichtige mechanistische Hinweise, lassen sich aber nicht direkt auf den Menschen übertragen.
Mögliche Vorteile gegenüber lebenden Probiotika
In der Fachliteratur werden Postbiotika gegenüber lebenden Probiotika mit mehreren potenziellen Vorteilen in Verbindung gebracht:
- Höhere Sicherheit: kein Risiko einer Keimtranslokation, Infektion oder überschiessenden Immunreaktion, was besonders bei immungeschwächten Personen diskutiert wird.
- Grössere Stabilität: längere Haltbarkeit und geringere Empfindlichkeit gegenüber Temperatur, Feuchtigkeit und Magensäure.
- Klar definierte Zusammensetzung: eine exakte chemische Charakterisierung kann eine präzisere Dosierung und standardisierte Qualität erleichtern.
- Kein horizontaler Gentransfer: ohne lebende Bakterien entfällt das theoretische Risiko einer Übertragung von Antibiotikaresistenzgenen.
Diese Punkte sind plausible, in Teilen belegte Vorteile – sie bedeuten aber nicht, dass Postbiotika Probiotika grundsätzlich «ersetzen»: Für viele Indikationen ist die Studienlage zu Probiotika deutlich umfangreicher, und beide Ansätze werden in der aktuellen Forschung häufig eher als sich ergänzend denn als konkurrierend betrachtet.
Fazit
Postbiotika sind ein junges, aktives Forschungsfeld der Mikrobiom-Wissenschaft. Als bioaktive Stoffwechselprodukte von Darmbakterien werden ihnen immunmodulierende, entzündungshemmende und antimikrobielle Eigenschaften zugeschrieben, ohne die theoretischen Risiken lebender Keime. Erste kontrollierte Humanstudien – etwa zum Schutz des Mikrobioms während einer Antibiotikatherapie oder zur Stoffwechselgesundheit – liefern vielversprechende, aber noch vorläufige Ergebnisse aus kleinen Stichproben. Für viele der diskutierten Anwendungen, etwa im Bereich der Atemwegsgesundheit oder der psychischen Gesundheit, stammt die Evidenz bislang überwiegend aus präklinischen Modellen oder laufenden Studien. Wer sein Mikrobiom umfassend unterstützen möchte, findet in der Kombination aus ballaststoffreicher Ernährung, gegebenenfalls fermentierten Lebensmitteln und – je nach individueller Situation – gezielt ausgewählten Nahrungsergänzungsmitteln unterschiedliche, sich ergänzende Ansatzpunkte.
Kultur 13 von Natura Nova
13 verschiedene Milchsäure- und Bifidobakterienstämme, ergänzt durch die pflanzlichen Ballaststoffe Inulin und Dextrin als Nährboden für die Bakterienkultur – eine sogenannte synbiotische Formel. Wer sein Mikrobiom nicht nur mit den in diesem Artikel besprochenen Stoffwechselprodukten, sondern auch gezielt mit lebenden Bakterienkulturen und präbiotischen Ballaststoffen unterstützen möchte, findet hier einen anderen, ergänzenden Ansatz. Calcium trägt zu einer normalen Funktion von Verdauungsenzymen bei.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information über Postbiotika und den aktuellen Stand der Forschung und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Apotheke.
Quellen
- Żółkiewicz J, Marzec A, Ruszczyński M, Feleszko W: Postbiotics—A Step Beyond Pre- and Probiotics. Nutrients. 2020;12(8):2189. doi: 10.3390/nu12082189 (PMC, Open Access)
- Fadaee M, Mahrooghi D, Lahouty M, Oskouei SA, Nezhadi J: Postbiotics and extracellular vesicles: mechanisms of action and clinical promise in respiratory infections and inflammation. Infect Genet Evol. 2025;135:105837. doi: 10.1016/j.meegid.2025.105837
- Schluter J, Jogia W, Matheis F, et al.: A retrospectively registered pilot randomized controlled trial of postbiotic administration during antibiotic treatment increases microbiome diversity and enriches health-associated taxa. Infect Immun. 2026;94(1):e00390-25. doi: 10.1128/iai.00390-25 (PMC, Open Access)
- Preliminary effect of the postbiotic pA1c®HI in glucose metabolism of obese individuals: A pilot, randomized, double-blind, controlled nutritional intervention. Nutrition. 2026. doi: 10.1016/j.nut.2025.112948 (Interessenkonflikt der Autorenschaft mit dem Hersteller offengelegt)
- Effects of Postbiotics on Mood Disorders in Korean Adults. ClinicalTrials.gov (laufende Studie, Ergebnisse ausstehend).
- Immunomodulating properties of postbiotics from lactobacilli in zebrafish. BMC Vet Res. 2025.