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Natura Nova – traditionelle europäisch bewährte Rezepturen
Natura Nova – traditionell europäisch bewährte Rezepturen

Natura Nova

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Sanikel auf frischem Waldbode

Sanikel: Warum Forschende die vergessene Waldpflanze plötzlich wieder untersuchen

Kaum eine europäische Waldpflanze trägt ihren Ruf so offen im Namen wie der Sanikel. Sanicula geht auf das lateinische sanare zurück – heilen. Jahrhundertelang war das unscheinbare Doldengewächs ein fester Eintrag in den Kräuterbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts, dann verschwand es fast vollständig aus dem Blickfeld. Erst in den letzten Jahren haben Arbeitsgruppen in Wien, Ivano-Frankiwsk und Posen wieder genauer hingesehen – und in einer Pflanze, die die meisten Waldbesucher schlicht übersehen, Bemerkenswertes gefunden.

Der Name verrät, wie hoch die Wertschätzung einst war

Der Wald-Sanikel (Sanicula europaea L.) gehört zu den Doldenblütlern (Apiaceae) und damit in dieselbe Familie wie Karotte, Fenchel und Liebstöckel. Auf den ersten Blick sieht man ihm das kaum an: Statt der typischen grossen, flachen Dolde bildet er winzige, kugelige Blütenköpfchen, die eher an eine Miniatur-Distel erinnern. Die Früchte tragen hakige Borsten und bleiben an Fell und Hosenbein hängen – daher volkstümliche Namen wie Waldklette.

Die Gattung Sanicula umfasst rund 50 Arten weltweit; in Mitteleuropa kommt praktisch nur S. europaea vor. Sie ist über weite Teile Europas verbreitet und reicht bis nach Westasien und Nordafrika. Ihr Standort ist charakteristisch: schattige bis halbschattige Laubwälder, bevorzugt Buchen- und Hainbuchenwälder auf frischen, meist kalkreichen Böden. Wer in einem Schweizer Buchenwald unterwegs ist, läuft mit hoher Wahrscheinlichkeit daran vorbei.

Die deutsche Bezeichnung Sanikel leitet sich über das mittellateinische sanicula vom lateinischen sanare ab – wörtlich etwa «die kleine Heilerin». Auch die zahlreichen Volksnamen sprechen für sich: Bruchkraut, Heildolde, Wundsanikel, «Heil aller Schäden». Verwendet wurden traditionell vor allem die zur Blütezeit gesammelten und getrockneten Grundblätter (Saniculae herba), seltener auch Wurzelstock und Wurzeln.

Was moderne Analysen im Sanikelkraut tatsächlich finden

2025 hat eine Arbeitsgruppe der Universität Wien erstmals ober- und unterirdische Pflanzenteile des Sanikels systematisch nebeneinandergestellt und mit Dünnschichtchromatographie, HPLC und Massenspektrometrie analysiert. Das Ergebnis war für die Forschenden selbst überraschend deutlich: Kraut und Wurzel enthalten im Wesentlichen dieselben zwei Substanzklassen.

Die erste sind Hydroxyzimtsäure-Derivate, allen voran Rosmarinsäure – in beiden Pflanzenteilen die mengenmässig dominierende Einzelsubstanz. Dazu kommen Chlorogensäure, ein Rosmarinsäure-Glykosid und 3,4-Dicaffeoylchinasäure, die in der Gattung Sanicula bis dahin gar nicht beschrieben war. Die zweite Klasse sind Triterpensaponine vom Oleanan-Typ, darunter Verbindungen mit einer Molekülmasse um 1100 g/mol, die den bereits bekannten Saniculosiden entsprechen dürften. Dass es sich tatsächlich um Saponine handelt, wurde über deren charakteristische hämolytische Eigenschaft auf der Chromatographieplatte bestätigt.

Eine ukrainisch-estnische Arbeitsgruppe legte im selben Jahr eine ergänzende Analyse von Wasser- und Ethanolauszügen vor. Sie identifizierte 16 phenolische Verbindungen; der Gesamtphenolgehalt der Trockenextrakte lag zwischen 11,08 und 15,02 Prozent. Auffällig war der Unterschied zwischen den Pflanzenteilen: Der Flavonoidgehalt der Krautextrakte lag bei 3,61 bis 5,46 Prozent, jener der Wurzelextrakte nur bei 0,13 bis 0,21 Prozent.

Stoffgruppe Wichtigste Vertreter Vorkommen
Hydroxyzimtsäuren Rosmarinsäure, Chlorogensäure, Kaffeesäure, 3,4-Dicaffeoylchinasäure Kraut und Wurzel; Rosmarinsäure jeweils Hauptkomponente
Triterpensaponine Saniculoside A–D und N, Saniculasaponine (Aglyka A1- und R1-Barrigenol) Kraut und Wurzel; ältere Referenzdaten nennen je nach Pflanzenteil rund 3–6 %
Flavonoide Quercetin, Isoquercetin, Rutin, Apigenin, Astragalin deutlich stärker im Kraut als in der Wurzel
Gerbstoffe Epicatechingallat, Gallocatechin beide Pflanzenteile, anteilig höher in der Wurzel
Weitere Zucker (u. a. Saccharose), organische Säuren, Cumarin, ätherisches Öl, Allantoin Zucker stellen mengenmässig sogar die Hauptfraktion der Extrakte

Warum ausgerechnet die Wurzel ein Verwechslungsproblem hat

Die Wiener Untersuchung hatte einen zweiten, fast detektivischen Anlass. In der österreichischen Umgangssprache bezeichnet «Radix Saniculae» nämlich nicht zwingend die Sanikelwurzel. Mundartliche Namen wie «Saunigl», «Scharnikel» oder «Schanikel» meinen vielerorts eine ganz andere Pflanze: die Neunblatt-Zahnwurz (Cardamine enneaphyllos), einen Kreuzblütler. Schon 1904 und 1929 wiesen Fachleute auf diese Namensverwirrung hin – geändert hat sich daran wenig.

Die Analyse zeigt, wie weit die beiden auseinanderliegen: Während der Sanikel Hydroxyzimtsäuren und Saponine führt, enthält die Zahnwurz Glucosinolate und deren Abbauprodukte Sisymbrin und Cleomin – eine Stoffklasse aus einer völlig anderen biochemischen Welt. Die einzige nennenswerte Gemeinsamkeit ist ein hoher Zuckergehalt. Für die Praxis bedeutet das: Bei wildgesammelter oder informell gehandelter Ware ist eine botanische Identitätsprüfung keine Formalie. Die Wiener Gruppe hat für genau diesen Zweck einfache chromatographische Verfahren etabliert. Für Sanikelprodukte ist ausserdem eine Verunreinigung mit Grosser Sterndolde (Astrantia major) beschrieben worden.

Was die Forschung zu Entzündung und Wundheilung beobachtet

Die experimentelle Datenlage ist überschaubar, aber sie ist in Bewegung – und sie ist nicht widerspruchsfrei.

In einem breit angelegten österreichischen Screening von 71 traditionell verwendeten Drogen (Zellversuch, in vitro) zeigten Dichlormethan- und Methanolauszüge der Sanikelwurzel eine mässige bis deutliche Verringerung der Expression von Entzündungsmediatoren wie Interleukin-8 und E-Selectin in Endothelzellen, nachdem diese mit TNF-α beziehungsweise bakteriellem Lipopolysaccharid stimuliert worden waren.

Einem älteren Zellversuch an 3T3-Fibroblasten gelang dagegen kein Nachweis eines beschleunigten Wundschlusses durch Sanikelkraut-Extrakt; die Autoren beobachteten stattdessen zytotoxische Effekte am Wundrand und interpretierten das Ergebnis in Richtung Wundreinigung statt Gewebeneubildung. Dieser Befund steht bis heute unaufgelöst neben den neueren Tierdaten.

Denn 2025 legte die ukrainisch-estnische Gruppe erstmals ein pharmakologisches Screening am Tiermodell vor. Im Pfotenödem-Modell an Ratten (Tierstudie, je sechs Tiere pro Gruppe, 100 mg/kg) reduzierten alle vier geprüften Extrakte die Ödembildung; nach fünf Stunden lag der wässrige Krautextrakt bei 36,4 Prozent Hemmung gegenüber 29,4 Prozent für die Vergleichssubstanz Quercetin. In einem Blutungszeit-Modell an Meerschweinchen verkürzten die topisch aufgebrachten Krautextrakte die Blutungsdauer um rund 48 bis 50 Prozent gegenüber der unbehandelten Kontrolle, während das pflanzliche Vergleichspräparat auf 23 Prozent kam. Bei der Wundplanimetrie schlossen sich die Schnittwunden unter Krautextrakt nach 8 bis 10 Tagen, unter dem Vergleichspräparat nach 10 bis 11 und in der Kontrollgruppe erst nach 15 bis 16 Tagen. Im Agar-Diffusionstest (in vitro) hemmten die Extrakte das Wachstum von E. coli, S. aureus, S. epidermidis, P. aeruginosa und P. vulgaris mit Hemmhofdurchmessern zwischen 11 und 15 Millimetern – wobei ein Extrakt gegen zwei der Keime gar nicht wirkte.

Die Autorinnen und Autoren ordnen ihre Ergebnisse selbst vorsichtig ein: kleine Gruppengrössen, keine Zellassays zur Mechanismusaufklärung, keine Toxizitätsprüfung. Es handelt sich um ein Screening, das eine Richtung anzeigt – nicht um einen Wirksamkeitsnachweis. Klinische Studien am Menschen fehlen für Sanikel vollständig.

Antivirale Beobachtungen aus dem Labor der 1990er-Jahre

Ein kleiner, in sich abgeschlossener Forschungsstrang stammt aus türkisch-japanischer Zusammenarbeit. In Zellversuchen (in vitro) hemmten Blattextrakte des Sanikels die Vermehrung von Influenzaviren beziehungsweise humanen Parainfluenzaviren Typ 2. Parallel dazu wurde bei der Suche nach antiviral aktiven Inhaltsstoffen das Triterpensaponin Saniculosid N isoliert und strukturell aufgeklärt; als mengenmässig führende aktive Substanz des Auszugs identifizierten die Autoren allerdings die Rosmarinsäure. Diese Arbeiten sind rund drei Jahrzehnte alt und wurden nie in ein Tiermodell oder gar in eine klinische Prüfung überführt – sie bleiben ein Laborbefund.

Wie Sanikel traditionell verwendet und regulatorisch eingeordnet wird

Die traditionellen Anwendungen unterscheiden sich je nach Region erheblich. In der österreichischen Volksüberlieferung, dokumentiert in der VOLKSMED-Datenbank, wurde das Kraut als Tee zum Spülen und Baden von Wunden aufgebrüht oder frisch aufgelegt; Wurzelstock und Wurzeln wurden mit Schweineschmalz oder Butter zu einer Salbe verarbeitet. In der Schweiz und Süddeutschland ist die Verwendung als Gurgelzubereitung überliefert. Ethnobotanische Übersichten nennen für Tschechien die Anwendung bei schlecht heilenden Wunden, für den Kaukasus Atemwegsbeschwerden, für Bulgarien Hautthemen, für Rumänien Husten und für die Niederlande innere Blutungen.

Regulatorisch ist die Lage klar umrissen und zugleich bescheiden. Die deutsche Kommission E veröffentlichte 1986 eine positive Monographie zu Saniculae herba für leichte Katarrhe der Luftwege, mit einer Tagesdosis von 4 bis 6 Gramm Droge und den zugeschriebenen Eigenschaften antibakteriell, expektorierend und adstringierend. Eine Monographie des HMPC der Europäischen Arzneimittel-Agentur besteht bis heute nicht, ebenso wenig eine ESCOP-Monographie. In der Ukraine ist die Art nicht als offizinelle Droge anerkannt. Sanikel ist damit eine Pflanze mit langer Tradition, punktueller behördlicher Anerkennung in einem einzigen Land – und ohne moderne klinische Absicherung.

Sicherheit und Anwendung

Für die innere Anwendung sind in den Standardwerken keine typischen unerwünschten Wirkungen etabliert; als Gegenanzeige gilt eine bekannte Allergie gegen die Pflanze. Saponine können in grösseren Mengen die Schleimhäute reizen und Magen-Darm-Beschwerden auslösen – ein Effekt, der für saponinreiche Drogen generell gilt. Bei äusserlicher Anwendung frischer Pflanzenteile sind vereinzelt Reizreaktionen der Haut beschrieben worden.

Für Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder liegen keine Daten vor; eine Anwendung ist in diesen Gruppen nicht zu empfehlen. Auch systematische Untersuchungen zu Wechselwirkungen fehlen. Die im Tierversuch beobachtete Verkürzung der Blutungszeit ist am Menschen nie untersucht worden; wer gerinnungshemmende Medikamente einnimmt, sollte deshalb vor einer Anwendung ärztlichen Rat einholen. Als Angehöriger der Doldenblütler kommt Sanikel zudem für Personen mit bekannten Kreuzallergien gegen Apiaceae wie Sellerie oder Karotte nur mit Vorsicht infrage.

Ein eigener Punkt ist das Selbstsammeln. Die Doldenblütler enthalten einige der giftigsten Pflanzen Mitteleuropas, und der Sanikel sieht in vegetativem Zustand mehreren Waldarten ähnlich. Wer nicht über sichere Artenkenntnis verfügt, sollte auf geprüfte Ware aus dem Handel zurückgreifen.

Fazit: eine wiederentdeckte Pflanze mit offener Rechnung

Sanikel ist ein gutes Beispiel dafür, wie ungleich Traditionswissen und moderne Evidenz verteilt sein können. Die phytochemische Seite ist mittlerweile solide: Rosmarinsäure als dominierendes Phenol, Triterpensaponine vom Barrigenol-Typ, ein klares Profil, das Kraut und Wurzel als nahe verwandt ausweist. Auf der pharmakologischen Seite existieren Zellversuche und seit 2025 erstmals kontrollierte Tierdaten zu Entzündung, Blutungszeit, Wundschluss und Keimhemmung – mit Effekten, die in einzelnen Modellen sogar über den Vergleichspräparaten lagen.

Was fehlt, ist der entscheidende Schritt: Studien am Menschen. Solange die nicht vorliegen, bleibt Sanikel eine traditionsreiche europäische Waldpflanze, deren Ruf älter ist als die Belege dafür. Bemerkenswert ist die Bewegung der letzten zwei Jahre trotzdem. Eine Pflanze, über die zwischen 1970 und 2020 kaum jemand geforscht hat, taucht plötzlich in gleich drei unabhängigen Publikationen wieder auf – und die Wiener Gruppe hat bereits angekündigt, als Nächstes einzelne Inhaltsstoffe zu isolieren und in Zellmodellen zur Wundheilung zu prüfen. Es kann gut sein, dass über die kleine Heilerin aus dem Buchenwald in einigen Jahren mehr zu berichten ist.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Er ist keine Empfehlung zur Selbstbehandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Fachperson in einer Apotheke oder Drogerie.

Quellen

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  • Eichenauer E, Saukel J, Glasl S. VOLKSMED Database: A Source for Forgotten Wound Healing Plants in Austrian Folk Medicine. Planta Medica. 2024;90(7/8):498–511. doi:10.1055/a-2225-7545 (PMID 38843790)
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  • Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes: Monographie Saniculae herba (Sanikelkraut). Bundesanzeiger Nr. 177a vom 24.09.1986.
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