Fast jede traditionelle Kräuter-Astringenz teilt dasselbe Schicksal: Jahrhunderte Überlieferung, aber nie am Menschen getestet. Die Blutwurz ist eine der wenigen Ausnahmen – und was diese Studie zeigte, überraschte selbst Fachleute.
Warum eine unscheinbare Wiesenpflanze ihren blutroten Namen trägt
Wer die Blutwurz (Potentilla erecta) auf einer Magerwiese entdeckt, würde ihr auf den ersten Blick nichts Besonderes zutrauen. Die Staude wird selten höher als 30 Zentimeter, ihre gelben Blüten fallen durch vier statt der bei Rosengewächsen üblichen fünf Kronblätter auf. Der Name verrät erst beim genaueren Hinsehen, was in der Pflanze steckt: Wird der knollige Wurzelstock angeschnitten, verfärbt sich die Schnittstelle innerhalb von Minuten dunkelrot. Verantwortlich dafür ist die Oxidation der enthaltenen Gerbstoffe an der Luft – ein optischer Effekt, der der Pflanze bereits im Mittelalter ihren Platz in der Volksmedizin sicherte.
2024 kürte der interdisziplinäre Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde die Blutwurz zur Arzneipflanze des Jahres – nicht wegen spektakulärer neuer Wirknachweise, sondern weil sie exemplarisch für eine Pflanzengruppe steht, die in der Forschung lange ein Schattendasein führte: die Gerbstoffdrogen.
Auch der lateinische Name verrät etwas über die frühere Rolle der Pflanze: "Tormentill" wird entweder von "tormentum" (Schmerz, Qual) oder von "tormina" (Leibschmerzen, Ruhr) abgeleitet – ein deutlicher Hinweis darauf, wofür der Wurzelstock über Jahrhunderte hinweg zum Einsatz kam. Bereits Hildegard von Bingen empfahl die Blutwurz Mitte des 12. Jahrhunderts in ihrer Naturkunde, unter anderem gegen Fieber. Im Mittelalter reichte der zugeschriebene Ruf sogar so weit, dass man sich von der Pflanze Schutz vor der Pest erhoffte – eine Erwartung, der die Blutwurz naturgemäss nicht gerecht werden konnte. Was blieb, war die deutlich bescheidenere, aber besser begründbare Rolle als Adstringens bei Durchfall und wunder Mundschleimhaut.
Was den Wurzelstock chemisch so konzentriert macht
Kaum eine heimische Pflanze erreicht einen so hohen Gerbstoffgehalt wie Potentilla erecta: Das getrocknete Rhizom enthält 15 bis 22 Prozent Tannine, überwiegend kondensierte Catechin-Gerbstoffe (Proanthocyanidine) sowie einen kleineren Anteil hydrolysierbarer Ellagitannine, allen voran Agrimoniin. Hinzu kommen Flavonoide, Triterpensaponine und Phenolcarbonsäuren. Diese Stoffgruppe erklärt die adstringierende, also zusammenziehende Wirkung auf Gewebe: Gerbstoffe binden an Proteine der Schleimhautoberfläche und bilden dort eine Art Schutzschicht – ein Mechanismus, der seit der Lederherstellung gut untersucht ist und sich auf Haut und Schleimhaut übertragen lässt.
Geerntet wird das Rhizom bevorzugt im Frühjahr kurz vor der Blüte, weil der Gerbstoffgehalt dann am höchsten liegt. Getrocknete Ware verliert mit der Zeit an Wirkstoffkonzentration und sollte nicht länger als ein Jahr gelagert werden.
Die Studie, die die Blutwurz von den meisten Kräutern unterscheidet
Die überwiegende Mehrheit traditioneller Adstringens-Pflanzen wurde nie in einer kontrollierten Studie am Menschen geprüft – ihre Anwendung stützt sich allein auf Überlieferung und Laborchemie. Die Blutwurz bildet hier eine Ausnahme, und zwar eine mit greifbaren Zahlen.
Am Kinderkrankenhaus für Infektionskrankheiten Nr. 3 in St. Petersburg führten Subbotina und Kolleg:innen 2003 eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie an 40 Kindern zwischen drei Monaten und sieben Jahren mit labor-bestätigter Rotavirus-Diarrhoe durch. Eine Gruppe erhielt Tormentillwurzelextrakt-Tropfen, die andere ein optisch identisches Placebo. Das Ergebnis: In der Extraktgruppe dauerte der Durchfall im Median drei Tage, in der Placebogruppe fünf Tage (p < 0,0001). 48 Stunden nach Aufnahme waren 40 Prozent der behandelten Kinder durchfallfrei, in der Placebogruppe deutlich weniger. Auch der Rehydrierungsbedarf fiel in der Verumgruppe geringer aus.
Für eine derart kleine, unspezifische Heilpflanze ist das ein bemerkenswert sauberes Studiendesign – randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, mit einem klar definierten, laborbestätigten Krankheitsbild. Genau das macht die Blutwurz zu einem Sonderfall unter den europäischen Gerbstoffdrogen.
Was die Forschung bei Colitis ulcerosa beobachtet hat – und wo sie an ihre Grenzen stösst
Die zweite grössere Humanstudie zur Blutwurz führt in ein ganz anderes Terrain: die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Colitis ulcerosa. Ein Team um Huber an der Universitätsklinik Freiburg testete 2007 an 16 erwachsenen Patient:innen mit aktiver Erkrankung einen Tormentillwurzelextrakt in vier ansteigenden Tagesdosen – 1200, 1800, 2400 und 3000 Milligramm –, jeweils drei Wochen lang mit vierwöchigen Auswaschphasen dazwischen.
Bei der 2400-Milligramm-Dosis besserten sich sowohl der klinische Aktivitätsindex als auch der Entzündungsmarker CRP im Median deutlich. Sechs der 16 Teilnehmenden (38 Prozent) berichteten von leichten Oberbauchbeschwerden, die aber in keinem Fall zum Studienabbruch führten.
Der entscheidende Haken liegt im Design: Diese Studie war offen, also ohne Placebogruppe und ohne Verblindung. Das bedeutet nicht, dass die beobachteten Effekte eingebildet sind – aber es bedeutet, dass ein systematischer Fehler durch Erwartungshaltung oder natürlichen Krankheitsverlauf nicht ausgeschlossen werden kann. Ein Autorenteam ordnete die Situation 2025 in einer Fachzeitschrift so ein: Die Blutwurz zeige exemplarisch eine Lücke zwischen dem, was in der Praxis empirisch beobachtet wird, und dem, was formale Zulassungsverfahren als Beleg verlangen. Bis heute fehlt für die Colitis-Anwendung die placebokontrollierte Bestätigungsstudie, die aus einem vielversprechenden offenen Signal einen belastbaren Wirknachweis machen würde.
Was eine druckfrische Laborstudie über Blutwurz und das Immunsystem zeigt
Im November 2025 veröffentlichte ein Team der Medizinischen Universität Warschau eine Arbeit, die einen bislang unerforschten Aspekt der Blutwurz aufgreift: Was passiert eigentlich, nachdem die Gerbstoffe den Darm erreicht haben? Bisherige Forschung betrachtete meist den reinen Pflanzenextrakt – diese Studie testete zusätzlich jene Abbauprodukte, die entstehen, wenn die menschliche Darmmikrobiota die Blutwurz-Polyphenole weiterverstoffwechselt.
Im Zellmodell mit menschlichen neutrophilen Granulozyten und aus der Zelllinie THP-1 differenzierten Makrophagen senkten sowohl der Extrakt selbst als auch mehrere seiner mikrobiellen Abbauprodukte die Produktion reaktiver Sauerstoffspezies deutlich. Bestimmte Fraktionen reduzierten zudem die Freisetzung der entzündungsfördernden Botenstoffe IL-1β und TNF-α, während Interleukin-8 paradoxerweise anstieg – ein Hinweis darauf, dass die Blutwurz das Immunsystem nicht einfach "dämpft", sondern gezielt einzelne Signalwege moduliert. Am stärksten wirksam waren jene Fraktionen, die reich an Catechinen und Triterpenoid-Verbindungen waren.
Diese Ergebnisse stammen aus dem Zellmodell, nicht vom Menschen – sie lassen sich also nicht direkt in eine Alltagsempfehlung übersetzen. Sie liefern aber erstmals eine mechanistische Erklärung dafür, warum eine Gerbstoffdroge, die im Darm eigentlich kaum resorbiert wird, überhaupt systemische entzündungshemmende Effekte zeigen könnte: Nicht die Ausgangssubstanz selbst wirkt, sondern das, was die Darmbakterien daraus machen.
Wie die europäische Arzneimittelbehörde die Blutwurz einordnet
Die European Medicines Agency (EMA) stuft Tormentillwurzelstock über ihr Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein – das heisst: Die langjährige Anwendung gilt als ausreichend belegt, ohne dass moderne klinische Studien im vollen Umfang vorliegen müssen. Anerkannt sind zwei traditionelle Anwendungsgebiete: leichte, unspezifische Durchfallerkrankungen sowie leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut, äusserlich angewendet als Spülung oder Gurgellösung.
Bemerkenswert ist, dass die Rotavirus-Studie an Kindern trotz ihres sauberen Designs an der traditionellen Einstufung nichts geändert hat – zum einen, weil eine einzelne Studie regulatorisch selten für einen Sprung zum "well-established use" reicht, zum anderen, weil die EMA die Anwendung ausdrücklich nur für Erwachsene empfiehlt. Aus demselben Grund rät sie von einer Anwendung bei Schwangeren und Stillenden ab: Für diese Gruppen liegen schlicht zu wenige Daten vor.
Sicherheit und Anwendung
Die publizierte Datenlage zur Blutwurz gilt insgesamt als gutartig. Eine tierexperimentelle Untersuchung zur akuten Toxizität fand selbst bei sehr hohen Dosen keine Anzeichen für organische Schäden oder Verhaltensauffälligkeiten und stufte wässrige Rhizomextrakte als unbedenklich ein. Das deckt sich mit der Nebenwirkungslage aus den beiden Humanstudien: In der Colitis-Studie traten bei gut einem Drittel der Teilnehmenden milde Oberbauchbeschwerden auf, in der Kinderstudie zur Rotavirus-Diarrhoe wurden keine relevanten unerwünschten Wirkungen berichtet.
- Kinder: Die placebokontrollierte Studie wurde gezielt an Kindern durchgeführt; dennoch empfiehlt die EMA aus regulatorischen Gründen die traditionelle Anwendung generell nur für Erwachsene. Eine Anwendung bei Kindern gehört in ärztliche Hände.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Wegen unzureichender Datenlage von der EMA nicht empfohlen.
- Nebenwirkungen: Vereinzelt leichte Magen-Darm-Beschwerden bei höherer Dosierung möglich.
- Wechselwirkungen: Als gerbstoffreiche Droge kann Blutwurz theoretisch die Aufnahme bestimmter Arzneistoffe und Mineralstoffe im Darm beeinträchtigen, wenn beides zeitgleich eingenommen wird – ein zeitlicher Abstand von ein bis zwei Stunden gilt als übliche Vorsichtsmassnahme bei gerbstoffreichen Pflanzenzubereitungen.
Fazit: Eine Gerbstoffdroge mit seltenem Beleg und offenen Kapiteln
Die Blutwurz gehört zu den wenigen traditionellen Heilpflanzen, für die tatsächlich eine randomisierte, placebokontrollierte Humanstudie existiert – und diese fiel für die untersuchte Indikation, akute Rotavirus-Diarrhoe bei Kindern, deutlich positiv aus. Für die zweite grosse Anwendung, Colitis ulcerosa, liegt bislang nur eine offene Dosisfindungsstudie ohne Kontrollgruppe vor: ein vielversprechendes, aber methodisch noch unbestätigtes Signal. Eine druckfrische Laborstudie aus dem November 2025 liefert nun erste mechanistische Hinweise darauf, wie die Gerbstoffe der Blutwurz über den Umweg der Darmmikrobiota auf das Immunsystem wirken könnten – Grundlagenforschung, die zeigt, dass diese "vergessene" Arzneipflanze noch längst nicht ausgeforscht ist.
Dieser Artikel dient ausschliesslich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden, insbesondere bei anhaltendem oder blutigem Durchfall, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, in der Schwangerschaft, Stillzeit oder bei Kindern, wenden Sie sich an eine Fachperson.
Quellen
- Subbotina MD, Timchenko VN, Vorobyov MM, et al. Effect of oral administration of tormentil root extract (Potentilla tormentilla) on rotavirus diarrhea in children: a randomized, double blind, controlled trial. Pediatr Infect Dis J. 2003;22(8):706–711. PubMed: PMID 12913771
- Huber R, Ditfurth AV, Amann F, et al. Tormentil for active ulcerative colitis: an open-label, dose-escalating study. J Clin Gastroenterol. 2007;41(9):834–838. PubMed: PMID 17881930
- Kruk A, et al. In Vitro Evaluation of Antioxidant and Cytokine-Modulating Activity of Tormentil Rhizome Extract and Its Microbial Metabolites in Human Immune Cells. Int J Mol Sci. 2025;26(22):11164. PMC: PMC12653814
- Determination of acute toxicity of the aqueous extract of Potentilla erecta (Tormentil) rhizomes in rats and mice. PubMed: PMID 19857087
- European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Community herbal monograph on Potentilla erecta (L.) Raeusch., rhizoma.
- Saller R, et al. Vom Spezifischen zum Systemischen – am Beispiel Tormentill/Blutwurz, der Heilpflanze des Jahres 2024. Complement Med Res. 2025;32(3):260. PubMed: PMID 40188806