500 Anfragen zu Vitamin D gingen bei Tox Info Suisse allein in den ersten elf Monaten eines einzigen Jahres ein – 23 davon wegen chronischer Überdosierung. Im Juli 2026 meldete zudem das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung einen weiteren schweren Vergiftungsfall bei einem Säugling, verursacht durch ein hochdosiertes Präparat aus dem Internet. Überdosierung ist bei Vitamin D kein theoretisches Risiko – auch nicht hierzulande. Was macht das Sonnenvitamin in hohen Mengen gefährlich, und wo verläuft in der Schweiz die Grenze zwischen sinnvoller Ergänzung und Risiko?
Was Tox Info Suisse zu Vitamin-D-Überdosierungen registriert
Die Schweizer Beratungsstelle Tox Info Suisse an der Universität Zürich erhielt in den ersten elf Monaten eines Jahres rund 500 Anfragen im Zusammenhang mit Vitamin D. In 23 Fällen handelte es sich um chronische Überdosierungen – also nicht um einen einmaligen Unfall, sondern um eine über längere Zeit zu hohe Zufuhr. Bereits Jahre zuvor hatte das damalige Schweizerische Toxikologische Zentrum (heute Tox Info Suisse) zwei schwere Fälle mit Nierenverkalkung (Nephrokalzinose) registriert, beide verursacht durch hochkonzentrierte Vitamin-D3-Lösungen. Am Kinderspital Zürich sind zudem gelegentlich Säuglinge mit Muskelkrämpfen zu sehen, die – umgekehrt – auf eine Unterversorgung zurückgehen; ein Hinweis darauf, dass sowohl zu wenig als auch zu viel Vitamin D in der Praxis vorkommen. Die grossen Schweizer Universitätskliniken registrierten in den vergangenen Jahren zwar keine Spitaleinweisungen wegen Vitamin-D-Vergiftung, doch die Anfragezahlen bei Tox Info Suisse zeigen: Das Thema ist präsent, auch ohne dass jeder Fall in einer Klinik landet.
Warum eine Überdosierung überhaupt gefährlich werden kann
Vitamin D ist fettlöslich und wird im Körper gespeichert – ein Überschuss lässt sich also nicht einfach ausscheiden wie bei wasserlöslichen Vitaminen. Seine zentrale Aufgabe liegt in der Regulierung des Calcium- und Phosphathaushalts: Es fördert die Aufnahme von Calcium im Darm und trägt zur normalen Funktion von Knochen, Muskeln und Immunsystem bei. Bei chronisch zu hoher Zufuhr kehrt sich dieser Nutzen um. Es kommt zu einer Hypervitaminose D, die sich durch einen deutlich erhöhten Calciumspiegel im Blut zeigt – einer Hypercalcämie. Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) kann sich eine Überversorgung durch Herzrhythmusstörungen, Schwäche, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Bewusstseinsstörungen äussern. In schweren Fällen drohen Nierensteine und Nierenversagen. Bei Säuglingen kommen laut Fallberichten oft Trinkschwäche, Gewichtsverlust, Gedeihstörung und eine Nierenverkalkung (Nephrokalzinose) hinzu, die im ungünstigsten Fall bleibend sein kann.
Ein Fall aus Deutschland zeigt, wie akut es werden kann – auch bei Erwachsenen
Wie ausgeprägt eine solche Überdosierung verlaufen kann, zeigt ein 2021/22 dokumentierter Fall aus Deutschland: Ein sieben Monate altes Kind erhielt fünf Monate lang anstelle von 500 I.E. täglich rund 40.000 I.E. Vitamin D3 – über ein im Internet erworbenes, hochkonzentriertes Tropfenpräparat, das Bekannte der Familie empfohlen hatten. Das Kind musste mit ausgeprägter Elektrolytstörung und Nierenverkalkung Grad II intensivmedizinisch behandelt werden. Im Juli 2026 meldete das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung einen vergleichbaren, erneuten Fall: Ein hochdosiertes Erwachsenenpräparat aus dem Internet war anstelle des ärztlich verordneten Säuglingspräparats verabreicht worden. Auch Erwachsene sind nicht automatisch geschützt: Ein 2025 dokumentierter Fallbericht beschreibt eine Patientin, die über rund 20 Monate täglich etwa 130.000 I.E. Cholecalciferol einnahm – basierend auf der unbelegten Annahme eines Arztes, sie benötige wegen einer vermeintlichen „Vitamin-D-Resistenz" deutlich höhere Dosen. Nach knapp zwei Jahren traten Übelkeit, Erbrechen, Muskelschwäche und starke Müdigkeit auf; bei der Klinikaufnahme lag eine ausgeprägte Hypercalcämie von 3,23 mmol/l vor.
Wie die Dosierungen im Schweizer Kontext aussehen
| Kontext | Tagesdosis |
|---|---|
| Rachitisprophylaxe bei Säuglingen (BAG-Empfehlung, 1. Lebensjahr) | ca. 400 I.E. (10 µg) |
| Empfohlene Zufuhr für Erwachsene zur Bedarfsdeckung (BLV/EEK) | 600–800 I.E. (15–20 µg) |
| Gesetzliche Höchstmenge in Schweizer NEM seit 2020 (VNem) | bis 2.800 I.E. (70 µg) |
| Sichere obere Zufuhr für Erwachsene laut BLV (entspricht EFSA-UL) | 4.000 I.E. (100 µg) |
| Im Ausland erhältliche Hochdosis-Kapseln (Einzelbeispiel, Import ohne Zollkontrolle möglich) | bis 50.000 I.E. pro Kapsel |
| Dokumentierter Vergiftungsfall Säugling (D, 2021/22) | ca. 40.000 I.E. über 5 Monate |
Bis Mitte 2020 lag die gesetzliche Höchstmenge für Vitamin D in Schweizer Nahrungsergänzungsmitteln bei 800 I.E. (20 µg) pro Tagesportion. Mit der Lebensmittelrechtsrevision (VNem) wurde sie auf 2.800 I.E. angehoben – rechtlich zulässig ist seither deutlich mehr, als für die Bedarfsdeckung nötig ist.
Warum der Schweizer Zoll bei Importen aus dem Ausland keine Sicherheit bietet
Ein Grund, warum hochkonzentrierte Präparate überhaupt in Schweizer Haushalte gelangen, liegt im Zollrecht: Für zum Eigengebrauch importierte Vitamin-D-Nahrungsergänzungsmittel findet laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen keine systematische Kontrolle statt. Konkret heisst das: Ein Online-Händler aus den USA kann beispielsweise Kapseln mit 1,25 Milligramm Vitamin D – umgerechnet 50.000 I.E. pro Kapsel – problemlos in die Schweiz liefern. Das ist rund 124-mal mehr, als ein einjähriger Säugling verträgt, und etwa 17-mal mehr, als für Erwachsene als sichere Tagesmenge gilt. Wer ein solches Produkt bestellt, unterschätzt oft nicht nur die Konzentration, sondern auch, dass die Verzehrempfehlungen auf dem Etikett – sofern überhaupt auf Deutsch oder Französisch vorhanden – nicht den Schweizer oder EU-Vorgaben entsprechen müssen. Genau diese Konstellation liegt den dokumentierten Vergiftungsfällen zugrunde: ein im Ausland erworbenes, stark konzentriertes Präparat, dessen tatsächliche Dosis für den Verbraucher schwer einzuschätzen ist.
Warum auch soziale Medien zu einer Risikoquelle werden
Ein weiterer Faktor hinter solchen Überdosierungen liegt nicht im Ausland, sondern im eigenen Feed: Auf TikTok und Instagram empfehlen selbsternannte Gesundheits- und Ernährungs-Gurus regelmässig hochdosierte Vitamin-D-Präparate – oft verknüpft mit einem eigenen Rabattcode. Eine Analyse von Pharmakologen der Medizinischen Hochschule Hannover, die rund 100 zwischen 2021 und 2023 auf Instagram beworbene Nahrungsergänzungsmittel untersuchte, kam zum Ergebnis, dass über zwei Drittel der beworbenen Präparate die empfohlenen Tagesdosen überschritten. Ein BfR-Fachexperte nannte im gleichen Zusammenhang Vitamin-D-Fälle, bei denen die empfohlene Tageshöchstmenge um das bis zu 60-Fache überschritten wurde. Eine weitere Analyse von Instagram-Werbung für Nahrungsergänzungsmittel fand, dass 54 Prozent der beworbenen Vitaminpräparate die vom BfR empfohlene Höchstmenge überschritten und 7 Prozent sogar über der sicheren Obergrenze der EFSA lagen – ohne dass ein einziger der untersuchten Beiträge auf mögliche Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen hinwies. Auch der bereits erwähnte Fall der Patientin mit rund 130.000 I.E. täglich zeigt, dass selbst ein Hinweis mit vermeintlich medizinischem Anstrich – hier die unbelegte Theorie einer „Vitamin-D-Resistenz" – keine Garantie für wissenschaftliche Fundierung ist. Wer sich zur Dosierung informieren möchte, sollte Angaben aus sozialen Medien deshalb grundsätzlich gegen unabhängige, geprüfte Quellen wie BLV, EFSA oder Tox Info Suisse abgleichen, statt sich auf Empfehlungen einzelner Accounts zu verlassen – insbesondere, wenn ein Rabattcode oder ein eigener Shop mit im Spiel ist.
Warum Bolus-Hochdosen grundsätzlich riskanter sind als eine tägliche Kleindosis
Neben Importen aus Übersee beobachten Behörden auch in Europa einen wachsenden Markt an sogenannten Bolus-Präparaten – Nahrungsergänzungsmitteln mit sehr hohen Einzeldosen, die nur alle paar Tage bis Wochen eingenommen werden sollen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung wies 2025 darauf hin, dass Studien zu Einzeldosen von bis zu 500 Mikrogramm im Abstand von rund 20 Tagen Blutkonzentrationen erzeugen können, die insbesondere bei bereits gut versorgten Personen problematisch werden. Die Logik dahinter – seltener einnehmen, dafür mehr auf einmal – klingt praktisch, birgt aber ein strukturelles Problem: Wer den Überblick verliert, wann die letzte Einnahme war, riskiert eine Doppeldosis. Eine tägliche, niedrig dosierte Einnahme lässt sich dagegen leichter in eine Routine einbauen und ist weniger fehleranfällig.
Wo die wissenschaftlich definierte Obergrenze liegt
Die vom BLV verwendete „sichere obere Zufuhr" von 4.000 I.E. (100 µg) täglich für Erwachsene, einschliesslich Schwangeren und Stillenden, entspricht der von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2023 festgelegten tolerierbaren Gesamtzufuhr (UL). Grundlage war unter anderem eine anhaltende Hypercalciurie – eine erhöhte Calciumausscheidung im Urin, die als frühes Warnzeichen einer Überversorgung gilt. Aus randomisiert-kontrollierten Studien am Menschen leitete das zuständige Gremium eine niedrigste beobachtete Dosis mit unerwünschter Wirkung von 250 Mikrogramm pro Tag ab; mit einem Sicherheitsfaktor von 2,5 ergibt sich daraus die Obergrenze von 100 Mikrogramm. Wichtig ist die Unterscheidung: Diese Zahl markiert die Grenze, oberhalb derer gesundheitliche Risiken zunehmend wahrscheinlich werden – sie ist keine Zieldosis. Für die tägliche, langfristige Ergänzung orientieren sich BLV und Eidgenössische Ernährungskommission deshalb an einer deutlich niedrigeren, praxisnahen Marke von 600 bis 800 I.E., mit der über 97 Prozent der Bevölkerung einen ausreichenden Blutspiegel erreichen.
Sicherheit & Anwendung
Bei Säuglingen und Kleinkindern gilt besondere Vorsicht: Für sie sind ausschliesslich Präparate geeignet, die exakt für diese Altersgruppe dosiert sind und der ärztlich empfohlenen Tagesmenge entsprechen. Hochkonzentrierte Tropfenpräparate für Erwachsene dürfen niemals eingesetzt werden – schon wenige zusätzliche Tropfen können bei einem Säugling eine Überdosierung um ein Vielfaches bedeuten. Beim Kauf im Ausland oder über internationale Online-Shops lässt sich die tatsächliche Konzentration eines Produkts oft nur schwer verifizieren. In Schwangerschaft und Stillzeit sollte die Einnahme oberhalb der allgemeinen Empfehlung mit einer Ärztin oder einem Arzt abgestimmt werden. Wechselwirkungen sind unter anderem bei bestimmten Diuretika, herzwirksamen Medikamenten und gleichzeitiger hochdosierter Calciumzufuhr möglich. Menschen mit Nierenerkrankungen, Sarkoidose oder anderen Störungen des Calciumstoffwechsels sollten eine Supplementierung ärztlich abklären lassen. Bei Verdacht auf eine Überdosierung kann in der Schweiz Tox Info Suisse (145) rund um die Uhr kontaktiert werden.
Warum Natura Nova bei 800 I.E. bleibt
Die Vitamin D3+K2 Tropfen von Natura Nova liefern pro Portion 20 µg Vitamin D3 (800 I.E.) zusammen mit 80 µg Vitamin K2 in der MK-7-Form, gelöst in MCT-Öl für eine gute Resorption der fettlöslichen Vitamine. Diese Dosierung ist kein Zufall: Bis 2020 war sie die gesetzliche Höchstmenge für Vitamin D in Schweizer Nahrungsergänzungsmitteln – und sie deckt sich bis heute mit der von BLV und Eidgenössischer Ernährungskommission empfohlenen Zufuhr für die erwachsene Bevölkerung. Obwohl das Schweizer Recht mittlerweile bis zu 2.800 I.E. pro Portion erlauben würde, bleibt Natura Nova bewusst bei der tieferen, praxisnahen Menge – hoch genug für einen relevanten Beitrag zur Versorgung, aber weit entfernt von jeder Schwelle, an der eine Fehldosierung heikel werden könnte. Die Tropfen werden präzise über eine Pipette dosiert, die Braunglasflasche enthält 300 Portionen. Herstellung und Prüfung erfolgen in einer GMP-zertifizierten Anlage in der Schweiz; jede Charge wird laborgeprüft auf Reinheit, Identität und mikrobiologische Parameter. Vitamin D trägt zur normalen Funktion des Immunsystems sowie zur Erhaltung normaler Knochen und normaler Muskelfunktion bei. Vitamin K trägt zur Erhaltung normaler Knochen und zu einer normalen Blutgerinnung bei.
Fazit: Vitamin D ist kein Präparat, bei dem mehr automatisch besser wirkt
Die Zahlen von Tox Info Suisse und die dokumentierten Fälle aus Deutschland zeigen: Vitamin D ist an zahlreichen wichtigen Stoffwechselvorgängen beteiligt, doch sein Nutzen folgt keiner linearen Logik nach dem Motto „viel hilft viel". Das Schweizer Recht erlaubt seit 2020 zwar höhere Dosierungen in einzelnen Produkten, doch das ändert nichts daran, dass die für die Bevölkerung sinnvolle Zufuhr deutlich darunter liegt – und dass hochkonzentrierte Importe aus dem Ausland, an denen der Zoll kaum ein Kontrollnetz hat, ein reales Risiko bleiben. Offen bleibt in der Forschung weiterhin, ob eine Supplementierung oberhalb der allgemeinen Empfehlung bei bereits gut versorgten Menschen einen zusätzlichen Nutzen bringt. Für die alltägliche Anwendung sprechen die verfügbaren Daten für einen unspektakulären, aber wirksamen Ansatz: eine massvolle, konstante Tagesdosis aus einer Quelle mit nachvollziehbarer Herkunft und geprüfter Qualität.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei bestehenden Erkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei der Anwendung bei Säuglingen und Kindern sollte die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten grundsätzlich mit einer Ärztin oder einem Arzt abgestimmt werden. Bei Vergiftungsverdacht: Tox Info Suisse, Telefon 145.
Quellen
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): Fachinformation zu Vitamin D, inkl. Tabelle „Sichere obere Zufuhr für verschiedene Altersgruppen"
- saldo / Hausarztmedizin Universität Zürich: Vitamin D für Säuglinge: Höchstens 0,01 Milligramm pro Tag, mit Zahlen von Tox Info Suisse, März 2023
- NZZ: Heimliches Gift auf dem Wickeltisch, mit Angaben des Schweizerischen Toxikologischen Zentrums (heute Tox Info Suisse), 2010 (ältere Quelle, historischer Kontext)
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Vitamin D-Vergiftung bei Säuglingen, Mitteilung Nr. 045/2026, 07.08.2026
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Einnahme hoher Einzeldosen Vitamin D über Nahrungsergänzungsmittel im Abstand von Tagen oder Wochen birgt gesundheitliche Risiken, aktualisierte Stellungnahme, September 2025
- Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ): Vitamin-D3-Überdosierung bei einem Säugling ("Aus der UAW-Datenbank"), Fallbericht, 2022
- EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens (NDA): Scientific opinion on the tolerable upper intake level for vitamin D, EFSA Journal, 2023, DOI: 10.2903/j.efsa.2023.8145
- Medscape Deutschland: Krank durch Vitamin-D-Mangel oder Überdosierung? Was Studien-Daten wirklich aufzeigen, Fallbericht, 2025
- watson.de: Supplements auf Social Media: Experten warnen vor Gefahr im Tiktok-Shop, mit Studie der Medizinischen Hochschule Hannover und Aussage eines BfR-Experten, 2025
- fitbook.de: Studie warnt vor Desinformation zu Supplements durch deutsche Influencer, Analyse von Instagram-Werbung, 2025